Ein Urteil über das, was uns nicht gehört
„Der Tod ist kein Übel; sonst wäre er auch dem Sokrates als ein solches erschienen. Sondern das Urteil über den Tod, dass er ein Übel sei, das ist das Übel. Wenn wir nun gehindert oder beunruhigt oder betrübt sind, so wollen wir niemals einen anderen beschuldigen, sondern uns selbst, das heißt unsere eigenen Urteile.“ . Epiktet, Handbüchlein, Kapitel 5
Epiktet lenkt den Blick mit gewohnter Schärfe auf den Ursprung unserer inneren Unruhe. Es sind nicht die Dinge an sich, die uns den Schlaf rauben, sondern die Etiketten, die wir ihnen aufkleben. Der Tod, die Armut, die Krankheit, der Verlust eines Amtes, all diese Phänomene besitzen keinen eingebauten moralischen Charakter. Sie sind stumm. Erst unser Verstand verleiht ihnen eine Stimme, die uns entweder in Angst versetzt oder mit Zuversicht erfüllt.
Die Ordnung der Stoa in Athen
Als Zenon von Kition um das Jahr 300 vor Christus seine Schule auf der bemalten Vorhalle, der Stoa Poikile, in Athen gründete, stand er vor einer intellektuellen Herausforderung. Die zeitgenössischen Philosophen, insbesondere die Nachfolger Platons und die Aristoteles-Schüler, vertraten die Ansicht, dass zum vollkommenen Glück neben der Tugend auch äußere Güter wie Gesundheit, Schönheit und ein gewisser Wohlstand notwendig seien. Die Kyniker wiederum, deren asketischer Lebensstil die frühe Stoa stark beeinflusste, verwarfen all diese äußeren Dinge als völlig wertlosen Ballast.
Zenon und seine Nachfolger, darunter der systematische Denker Chrysipp, wählten einen feineren, psychologisch anspruchsvolleren Weg. Sie stimmten den Kynikern zu, dass nur die Tugend das moralisch Gute und nur das Laster das moralisch Schlechte ist. Alles andere nannten sie Adiaphora, die sittlich gleichgültigen Dinge. Doch statt diese Dinge einfach zu ignorieren, führten die Stoiker eine entscheidende Unterscheidung ein. Sie erkannten, dass der Mensch von Natur aus bestimmte Zustände sucht und andere meidet. Sie unterteilten die Adiaphora in bevorzugte Dinge, die proegmena, und in verpönte Dinge, die apoproegmena.
Ein gesunder Körper ist der Krankheit vorzuziehen. Ein gefüllter Vorratsspeicher ist besser als Hunger. Dennoch fügt weder die Gesundheit dem moralischen Wert eines Menschen etwas hinzu, noch zieht die Krankheit davon etwas ab. Ein tugendhafter Mensch bleibt tugendhaft, ob er im Seidenbett schläft oder auf dem nackten Boden.
Das Handwerk der Auswahl
Um dieses Prinzip zu verstehen, hilft das Bild eines Bogenschützen, das der Stoiker Antipater von Tarsos prägte. Das Ziel des Schützen ist es, den Pfeil so gerade und kunstvoll wie möglich abzuschießen. Das Treffen der Zielscheibe selbst ist zwar das angestrebte Ergebnis, aber es liegt außerhalb seiner absoluten Kontrolle. Ein plötzlicher Windstoß kann den Pfeil ablenken.
In diesem Bild entspricht die Kunstfertigkeit des Schützen der Tugend. Das Treffen der Scheibe ist das bevorzugte indifferente Ding. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um das Ziel zu treffen, doch unser Seelenfrieden hängt nicht davon ab. Wir akzeptieren das Ergebnis, weil wir wissen, dass die wahre Exzellenz im Abfeuern des Pfeils liegt, nicht im Applaus der Zuschauer oder im bloßen Treffer.
Marcus Aurelius erinnert sich in seinen Selbstbetrachtungen im fünften Buch immer wieder selbst an diese Haltung:
„Erinnere dich, dass die lenkende Vernunft unbezwingbar wird, wenn sie sich in sich selbst zurückzieht und sich damit begnügt, nichts gegen ihren Willen zu tun, selbst wenn dieser Widerstand unvernünftig wäre.“
Die Dinge der Außenwelt, die Adiaphora, sind das Material, an dem sich unsere Tugend abarbeitet. Sie sind wie die Bälle im Spiel eines Jongleurs. Dem Jongleur ist es gleichgültig, ob er mit goldenen Bällen oder mit einfachen Steinen wirft. Seine Kunst zeigt sich darin, wie er sie in der Luft hält. Der Reiche, der seinen Wohlstand verliert und dennoch aufrecht bleibt, beweist, dass sein Charakter nicht am Geld klebte. Der Kranke, der seine Schmerzen erträgt, ohne bitter zu werden, zeigt, dass sein Geist frei von der Tyrannei des Körpers ist.
Die Adiaphora sind also keineswegs irrelevant. Sie sind die Arena, in der wir uns bewähren. Wer sie als völlig bedeutungslos abtut, verfällt in eine unnatürliche Teilnahmslosigkeit, die die Stoiker ablehnten. Wir sollen am Leben teilnehmen, wir sollen nach Gesundheit streben, Verträge abschließen und Freundschaften pflegen. Aber wir müssen diese Dinge mit einer leichten Hand halten, bereit, sie in jedem Augenblick ohne Groll wieder abzugeben.
Die Entlastung des modernen Geistes
Wir leben in einer Kultur, die fast ausschließlich auf die Anhäufung bevorzugter Adiaphora ausgerichtet ist. Status, körperliche Optimierung, finanzielle Absicherung und die ständige Vermeidung von Unbehagen werden als die höchsten Güter dargestellt. Wenn diese Dinge bedroht sind, reagieren wir mit Angst und existenzieller Not.
Die stoische Unterscheidung bietet hier eine radikale Entlastung. Sie nimmt den unerträglichen Druck von unseren Schultern, alles kontrollieren zu müssen. Wenn das Gehalt sinkt oder ein Projekt scheitert, ist das kein moralischer Makel. Es ist ein verpöntes indifferentes Ereignis, eine Unbequemlichkeit, mehr nicht. Es mindert nicht unsere Fähigkeit, vernünftig, gerecht und mutig zu handeln.
Seneca schreibt in seinen Briefen an Lucilius im Brief 82 über diese innere Freiheit:
„Das Geld ist kein Gut. Daher hat man es unter die gleichgültigen Dinge eingereiht. Es hat ein gewisses Gewicht, es ist nützlich, es bringt Bequemlichkeit, aber es macht den Geist nicht besser.“
Wenn wir lernen, die täglichen Nachrichten, die beruflichen Rückschläge und die körperlichen Zipperlein in die Kategorie der Adiaphora einzuordnen, verändert sich unsere Wahrnehmung. Wir hören auf, das Schicksal anzuklagen. Wir fragen nicht mehr: „Warum passiert das mir?“, sondern wir fragen: „Wie kann ich dieses indifferente Ereignis nutzen, um meinen Charakter zu schulen?“
Tagesimpuls
Versuche heute, eine unbequeme Situation, die dich normalerweise ärgert, sei es ein Stau, ein unfreundlicher Kollege oder ein verlegter Schlüssel, bewusst als Adiaphoron zu deklarieren. Sage dir im stillen Gespräch mit dir selbst: „Dies ist ein verpöntes, aber gleichgültiges Ding. Es hat keine Macht über meinen Charakter, es sei denn, ich erlaube es ihm.“ Beobachte, wie sich der emotionale Druck auflöst, sobald du dem Ereignis das Etikett des moralischen Übels entziehst.





