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Hierokles von Alexandria
Hierokles war ein stoischer Philosoph, der im 2. Jahrhundert n. Chr. wirkte und zu den bedeutendsten Vertretern der mittleren Stoa im römischen Kaiserreich zählt. Über sein Leben ist nur wenig überliefert; sein Name und seine Gedanken sind vor allem durch zwei Quellen bekannt: ein fragmentarisch erhaltenes Werk über Ethik sowie durch zahlreiche Zitate, die der Gelehrte Johannes Stobaios im 5. Jahrhundert in seinen Anthologien zusammengestellt hat.
Philosophisches Werk und Ethik
Das wichtigste erhaltene Werk des Hierokles ist ein Lehrbuch der Ethik (Ethike Stoicheiosis – „Elemente der Ethik"), von dem bedeutende Teile auf einem Papyrus aus Herkulaneum überliefert wurden. Darin entwickelt er in streng stoischer Tradition eine systematische Grundlegung der Moralphilosophie. Ausgangspunkt ist das stoische Konzept der Oikeiosis – der natürlichen Zuneigung und Zugehörigkeit zu sich selbst und zur eigenen Natur –, das er präzise und didaktisch entfaltet.
Das Modell der konzentrischen Kreise
Hierokles' bekanntester und einflussreichster Beitrag zur Philosophiegeschichte ist das Bild der konzentrischen Kreise der menschlichen Zugehörigkeit (oikeiôsis). In diesem Modell steht das Individuum im Mittelpunkt eines Systems ineinandergeschachtelter Kreise: Der innerste Kreis umfasst die eigene Person, der nächste die unmittelbare Familie, dann die erweiterte Verwandtschaft, die Nachbarschaft, die Mitbürger, die Landsleute und schließlich – im äußersten Kreis – die gesamte Menschheit.
Hierokles' ethische Forderung besteht darin, diese Kreise durch bewusste moralische Anstrengung nach innen zu ziehen: Der Weise soll auch entfernte Menschen mit derselben Fürsorge betrachten wie seine nächsten Angehörigen. Diese Idee verkörpert den stoischen Kosmopolitismus – die Überzeugung, dass alle Menschen als vernunftbegabte Wesen Bürger einer universalen Weltgemeinschaft sind und nicht nur partikularistischen Loyalitäten verpflichtet sein sollten.
Bedeutung und Nachwirkung
Mit diesem Konzept stellte Hierokles die stoische Ethik auf eine anthropologische Grundlage, die weit über seine Zeit hinausweist. Sein Kreismodell wurde in der Renaissance und der Aufklärung wiederentdeckt und beeinflusste Denker, die über Kosmopolitismus, Weltbürgertum und universale Menschenrechte nachgedacht haben. Noch heute wird es in der politischen Philosophie und der Ethik der globalen Verantwortung herangezogen.
Hierokles steht damit exemplarisch für jene Phase der Stoa, in der die ursprüngliche, naturrechtlich fundierte Ethik Zenons von Kition in eine praktische Moralphilosophie für den Alltag des römischen Bürgers und darüber hinaus für die gesamte Menschheit übersetzt wurde.


