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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit13. Mai 2026

Wenn Macht korrumpiert: Der Fall Yermak und die innere Front der Ukraine

Andriy Yermak, einst engster Vertrauter von Präsident Selenskyj, steht wegen Geldwäsche vor Gericht. Der Fall wirft eine Frage auf, die über die Ukraine hinausgeht: Wie bewahrt ein Mensch seine Integrität, wenn ihm Macht gegeben wird?

Wenn Macht korrumpiert: Der Fall Yermak und die innere Front der Ukraine

Was ist passiert?

Andriy Yermak, früherer Büroleiter von Präsident Wolodymyr Selenskyj und bis 2025 einer der mächtigsten Männer der Ukraine, ist von zwei ukrainischen Anti-Korruptionsbehörden als Verdächtiger in einem Geldwäsche-Verfahren benannt worden. Das berichtete die BBC am Dienstag unter Berufung auf das Nationale Anti-Korruptionsbüro der Ukraine (NABU) und die Spezialisierte Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft (SAP).

Yermak erschien vor einem Gericht in Kyjiw, wo über eine mögliche Untersuchungshaft verhandelt wurde. Konkrete Details zur vorgeworfenen Geldwäsche-Transaktion nannten die Behörden zunächst nicht öffentlich. Yermak selbst wies die Vorwürfe zurück und bezeichnete das Verfahren als politisch motiviert.

Yermak hatte ab 2020 als Büroleiter des Präsidenten eine Schlüsselrolle in der ukrainischen Außen- und Sicherheitspolitik gespielt. Er war zentraler Ansprechpartner für westliche Regierungen, koordinierte diplomatische Kontakte und galt intern als Architekt der engen Bindungen der Ukraine zu den USA und zur EU. Seine Position machte ihn zu einer der einflussreichsten Figuren des Landes, noch vor vielen Kabinettsmitgliedern.

Der Schritt der Anti-Korruptionsbehörden fällt in eine Phase, in der die Ukraine unter erheblichem Druck westlicher Partner steht, Korruption im eigenen Staat zu bekämpfen. Sowohl die EU-Beitrittsgespräche als auch die Bedingungen für weitere Militärhilfe aus den USA sind formal an Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung geknüpft. Die Bereitschaft, eine Person in Yermaks Rang vor Gericht zu stellen, wird von Beobachtern als Signal gewertet, dass die Behörden auch politisch exponierte Personen nicht schonen.

Gleichzeitig führt die Ukraine weiterhin einen Abwehrkrieg gegen die russische Invasion. Die innenpolitische Nachricht eines Korruptionsverdachts gegen einen Top-Berater des Präsidenten trifft das Land in einem Moment höchster militärischer und gesellschaftlicher Anspannung.

Die stoische Perspektive

Marcus Aurelius schrieb in seinen "Selbstbetrachtungen" (Buch IV, Kapitel 3): "Der Mensch hat Macht über seinen Geist, nicht über äußere Ereignisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden."

Yermaks Fall lädt dazu ein, diese Aussage von zwei Seiten zu betrachten: aus der Perspektive des Mannes, dem Macht gegeben wurde, und aus der Perspektive der Gesellschaft, die diesen Mann mit ihr ausgestattet hat.

Seneca warnte in seinen Briefen an Lucilius, Brief XLVII, vor der korrumpierenden Wirkung äußerer Umstände nicht weil Macht böse sei, sondern weil sie wie ein Vergrößerungsglas wirkt. Sie macht sichtbarer, was ohnehin vorhanden war. Wer tugendhaft ist, bleibt es auch in der Machtposition. Wer es nicht ist, wird durch Macht lediglich entlarvt, nicht erschaffen.

Epiktet, selbst als Sklave geboren und später freigelassener Philosoph, nannte den Begriff prohairesis, die bewusste innere Haltung, als einzige Domäne echter menschlicher Freiheit. Äußere Position, Ansehen, Zugang zu Ressourcen: das alles liegt nicht in unserer Macht. Was liegt in unserer Macht? Ausschließlich die Entscheidung, wie wir mit dem umgehen, was uns gegeben wird.

Yermak hatte Zugang zu einem der bedeutendsten politischen Ämter seines Landes, in einem Krieg, der täglich Menschenleben fordert. Wenn die Vorwürfe zutreffen, dann hat er diesen Zugang nicht im Sinne des Gemeinwohls genutzt. Das ist philosophisch gesehen keine moralische Schwäche neben der Pflicht, sondern ein Versagen an der einzigen Stelle, an der Versagen wirklich zählt: der inneren Entscheidung.

Das bringt uns zur anderen Seite: zur Ukraine als Gesellschaft, die gleichzeitig gegen äußere Bedrohung kämpft und innere Fäulnis aufdeckt. Hier greift ein Gedanke, den Epiktet in den "Gesprächen" (Buch I, Kapitel 2) formuliert: Es ist keine Niederlage, wenn schwierige Dinge passieren. Die Niederlage liegt darin, aufzuhören, das Richtige zu tun.

Die Anti-Korruptionsbehörden der Ukraine funktionieren. Sie haben einen der mächtigsten Männer des Landes vor Gericht gebracht, mitten im Krieg. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von institutioneller Substanz. Die stoische Antwort auf den Verrat durch Vertraute ist nicht Zynismus, nicht kollektive Resignation. Sie ist konsequente Rechtsanwendung, genau das, was hier offenbar geschieht.

Was können wir aus dieser Situation ableiten? Nicht die wohlfeile Erkenntnis, dass Macht korrumpiert. Die ist so alt wie Thukydides. Sondern die präzisere: Jeder Mensch, der Verantwortung trägt, steht täglich vor prohairesis. Nicht einmal, nicht bei großen Entscheidungen, sondern immer. Wer glaubt, diese Entscheidung könne auf später verschoben werden, irrt. Sie wird im Kleinen eingeübt oder im Kleinen verloren.

Yermaks Karriere begann nicht mit einer Entscheidung für Geldwäsche. Sie begann mit vielen kleinen Entscheidungen darüber, wie er sich selbst bewertete, welche Regeln für andere gelten und welche für ihn. Das ist die eigentlich beunruhigende Botschaft dieses Falls, nicht der Name des Verdächtigen, sondern die Normalität des Weges dorthin.

Tagesgedanke

Macht verändert nicht den Charakter eines Menschen, sie macht ihn nur für alle sichtbar.


Quelle: BBC World, Originalartikel: Zelensky's ex-chief of staff in court as Ukraine corruption probe escalates