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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit11. Mai 2026

Was bleibt, wenn alles genommen wird

Im Westjordanland zwangen israelische Siedler einen Palästinenser, den Sarg seines gerade beerdigten Vaters wieder auszugraben. Die UN verurteilten den Vorfall als Symbol der Entmenschlichung. Was die Stoa über den Erhalt innerer Würde unter extremem äußerem Zwang sagt.

Was bleibt, wenn alles genommen wird

Was ist passiert?

Im Westjordanland, nahe der Stadt Dschenin, wurde ein palästinensischer Mann kurz nach der Beerdigung seines Vaters von israelischen Siedlern gezwungen, den Leichnam wieder auszugraben. Der genaue Zeitpunkt des Vorfalls liegt im Mai 2025. Nach Berichten der BBC und Angaben des UN-Büros für Menschenrechte (OHCHR) drangen bewaffnete Siedler auf das Grundstück, auf dem die Beisetzung stattgefunden hatte, und forderten die Exhumierung des Verstorbenen.

Die Vereinten Nationen verurteilten den Vorfall in scharfen Worten. Das OHCHR bezeichnete ihn als „erschreckend und emblematisch für die Entmenschlichung von Palästinensern" im Westjordanland. Ein UN-Sprecher erklärte, der Vorfall stehe in einem breiteren Muster von Siedlergewalt, das sich in den vergangenen Jahren erheblich intensiviert habe.

Die israelische Regierung hat sich zu diesem konkreten Vorfall bislang nicht öffentlich geäußert. Siedlergewalt im Westjordanland ist seit Jahren Gegenstand internationaler Kritik. Menschenrechtsorganisationen wie B'Tselem und Human Rights Watch dokumentieren regelmäßig Übergriffe auf palästinensische Zivilisten, Eigentum und Gemeinden. Laut UN-Angaben hat die Zahl der gewaltsamen Vorfälle durch Siedler seit Oktober 2023 deutlich zugenommen.

Der betroffene Mann verlor innerhalb von Stunden zweimal seinen Vater: einmal durch den Tod, einmal durch die erzwungene Störung des Abschiedsrituals. Die Bestattung gilt in nahezu allen Kulturen und Rechtssystemen als unantastbarer Akt der Würde. Dass dieser Schutz versagte, ist der eigentliche Kern des UN-Vorwurfs.

Über den weiteren Verbleib der Leiche, mögliche Ermittlungen israelischer Behörden oder Konsequenzen für die beteiligten Siedler ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nichts bekannt.


Die stoische Perspektive

Epiktet, einst Sklave in Rom, kannte Ohnmacht aus eigener Erfahrung. Sein Körper gehörte einem anderen. Seine Bewegungsfreiheit war fremdbestimmt. Und dennoch formulierte er in seinen Gesprächen, den Diatriben, einen Gedanken, der unter diesem Gewicht nicht bricht: „Suche nicht, dass das, was geschieht, so geschehe, wie du es willst. Wünsche vielmehr, dass das Geschehende so sei, wie es ist, und du wirst einen ruhigen Lebensfluss haben." (Encheiridion, 8)

Das klingt auf den ersten Blick nach Kapitulation. Es ist das Gegenteil.

Epiktet unterschied zwischen dem, was in unserer Macht steht (prohairesis, die bewusste Wahl unserer Urteile, Absichten und Reaktionen), und allem anderen: Körper, Besitz, Ruf, Familie, der Leichnam eines Vaters. Diese äußeren Dinge nannte er adiaphora, gleichgültig im technischen Sinne, nicht weil sie bedeutungslos sind, sondern weil ihr Verlust die innere Haltung nicht zerbrechen kann, solange wir es nicht zulassen.

Was bedeutet das für einen Mann, der gezwungen wird, seinen toten Vater auszugraben?

Die stoische Antwort ist keine Anleitung zur Gleichgültigkeit. Sie ist eine Kartierung des Unzerstörbaren. Was die Siedler nehmen konnten: den Frieden der Beerdigung, die Unversehrtheit des Grabes, die Würde des Abschieds im äußeren Sinne. Was sie nicht nehmen konnten: das Urteilsvermögen des Sohnes darüber, wer er in diesem Moment sein wollte. Seine Liebe zum Vater. Seine moralische Empörung als Erkenntnisakt, nicht als unkontrollierter Affekt.

Marcus Aurelius schrieb in seinen Selbstbetrachtungen (Buch 4, Abschnitt 3): „Richte dich nach der Natur der Dinge, nicht nach dem Urteil der Menge." Er meinte damit: Die äußere Welt setzt die Bedingungen, aber nicht die Bedeutung. Bedeutung entsteht durch das Urteil des vernünftigen Menschen.

Hier liegt ein echter Konflikt, dem die Stoa nicht ausweicht: Kann man von einem Menschen verlangen, angesichts solcher Demütigung philosophisch zu bleiben? Die ehrliche Antwort lautet: nein, im Sinne eines sofortigen Gleichmuts. Aber die Stoa verlangt das auch nicht. Sie beschreibt einen Horizont, keinen Befehl. Seneca schrieb in seinem Brief an Lucilius (Epistulae Morales, 77): „Omnia aliena sunt, tempus tantum nostrum est." Alles andere gehört uns nicht, nur die Zeit. Und mit Zeit meinte er: die Art, wie wir das Erleben bewohnen.

Was der UN-Sprecher „Entmenschlichung" nennte, ist philosophisch präziser als es zunächst klingt. Entmenschlichung bedeutet genau das: dem anderen absprechen, dass er ein Vernunftwesen mit innerer Welt ist. Siedlergewalt dieser Art zielt nicht nur auf Körper und Eigentum. Sie zielt auf die Prohairesis, auf das Selbstbild des Anderen als handlungsfähiges, würdiges Wesen.

Dass die Stoa hier keine Lösung anbietet, sollte nicht verschwiegen werden. Sie kann den Vater nicht zurückbringen. Sie kann die politische Lage im Westjordanland nicht auflösen. Was sie anbietet, ist eine Unterscheidung: zwischen dem, was zerstört werden kann, und dem, was nicht zerstört werden kann, solange der Mensch sich selbst nicht aufgibt. Diese Unterscheidung ist kein Trost. Sie ist eine Orientierung unter extremem Druck.


Tagesgedanke

Würde ist kein Besitz, den andere nehmen können, sie ist eine Haltung, die nur du selbst ablegen kannst.


Quelle: BBC World, Originalartikel auf bbc.com