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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit14. Mai 2026

Uvira: Wenn die Welt um dich herum verbrennt

Rebellen und ruandische Truppen haben die kongolesische Stadt Uvira eingenommen und werden schwerer Gräueltaten beschuldigt. Mitten in diesem Chaos stellt sich eine alte philosophische Frage neu: Was bleibt dem Menschen, wenn ihm alles genommen wird?

Uvira: Wenn die Welt um dich herum verbrennt

Was ist passiert?

Im Dezember 2024 übernahmen Rebellen der Bewegung M23, unterstützt von ruandischen Truppen, die Stadt Uvira im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Uvira liegt am Nordufer des Tanganjikasees und ist eine der größeren Städte der Provinz Süd-Kivu.

Bewohner berichten gegenüber der BBC von gezielten Tötungen, willkürlicher Gewalt und einer Atmosphäre des Terrors nach der Einnahme. Ein Zeuge schildert, wie Kämpfer seinen Nachbarn auf offener Straße erschossen. Mehrere Berichte beschreiben Plünderungen, Einschüchterungen und das Verschwinden von Zivilisten. Die Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen haben Untersuchungen zu den mutmaßlichen Gräueltaten eingeleitet, ohne bisher abschließende Ergebnisse veröffentlicht zu haben.

Die Situation in Uvira ist Teil eines seit Jahren schwelenden Konflikts im östlichen Kongo. Die M23-Rebellen, die nach Einschätzung mehrerer UN-Expertengruppen logistische und militärische Unterstützung aus Ruanda erhalten, haben seit 2021 erhebliche Teile der Region unter ihre Kontrolle gebracht. Die Demokratische Republik Kongo, Ruanda und die beteiligten Milizen bestreiten jeweils unterschiedliche Aspekte dieser Darstellungen.

Für die Bevölkerung Uviras bedeutet die Machtübernahme konkretes Leid: Schulen sind geschlossen, Märkte verwaist, Krankenhäuser überlastet. Menschen, die fliehen konnten, berichten von Traumata, die sich in Schlaflosigkeit, Panikattacken und dem andauernden Misstrauen gegenüber Fremden äußern. Wer geblieben ist, lebt unter der Herrschaft bewaffneter Gruppen, deren Regeln sich täglich ändern können.

Die internationale Gemeinschaft hat Erklärungen abgegeben und Gesprächsrunden initiiert. Eine wirksame Schutzstruktur für die Zivilbevölkerung existiert nach Angaben lokaler Hilfsorganisationen derzeit nicht.

Die stoische Perspektive

Es gibt eine Versuchung, die Stoa in solchen Momenten schweigen zu lassen. Was soll Philosophie ausrichten gegen einen Schuss in den Kopf? Was bringt dem Mann, der seinen Nachbarn sterben sah, der Gedanke an innere Freiheit?

Diese Versuchung sollte man ernst nehmen. Und trotzdem zurückweisen.

Epiktet kannte persönliches Leid nicht als abstrakte Kategorie. Er wurde als Sklave geboren, von einem Herrn, der ihn misshandelte. Als sein Herr ihm das Bein verdrehte, soll Epiktet ruhig gesagt haben: Du wirst es brechen. Der Herr brach es. Epiktet sagte: Habe ich dir nicht gesagt, dass du es brechen würdest? Diese Geschichte, überliefert von Celsus und zitiert in verschiedenen Quellen der Altertumswissenschaft, ist kein Beweis für Gleichgültigkeit. Sie ist ein Beweis für eine radikale Verschiebung: Schmerz kann dem Körper zugefügt werden, aber die Haltung dazu gehört mir.

Epiktet formuliert diesen Kern in den Dissertationes (1.1): "Von den existierenden Dingen sind einige in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht sind Meinung, Antrieb, Begehren, Abneigung. Nicht in unserer Macht sind Körper, Ruf, Herrschaft, kurz: alles, was nicht unser eigenes Werk ist."

Für die Überlebenden von Uvira klingt das zunächst wie eine kalte Zumutung. Ihr Körper ist gefährdet, ihr Haus geplündert, ihr Nachbar tot. Was soll da die Dichotomie der Kontrolle?

Aber Epiktet meint nicht, dass äußeres Leid gleichgültig ist. Er meint, dass die einzige Festung, die kein Feind einnehmen kann, die eigene Urteilskraft ist. Und genau das zeigen die Berichte aus Uvira, wenn man sie genau liest: Menschen, die unter Besatzung ihre Würde bewahren. Mütter, die Kinder schützen. Nachbarn, die füreinander einstehen. Zeugen, die der BBC trotz Gefahr erzählen, was sie gesehen haben. Das ist kein Heroismus im Filmsinne. Das ist prohairesis, die bewusste Wahl dessen, wie man sich verhält, wenn alles andere wegbricht.

Die Stoa beansprucht auch in diesem Zusammenhang keine Vollständigkeit. Marc Aurel schreibt in den Selbstbetrachtungen (9.3): "Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht erleiden." Das klingt wie eine Sentenz für Friedenszeiten. Aber es enthält einen politischen Kern, der auf die Täter zielt, nicht auf die Opfer. Die Rebellen, die in Uvira töten und plündern, schaden vor allem sich selbst im moralischen Sinne. Das ist kein Trost für die Toten. Aber es ist eine Aussage über das Verhältnis von Macht und Integrität: Wer Gewalt ausübt, kauft äußere Kontrolle mit innerer Zerstörung.

Was bleibt dem Menschen wirklich, wenn die Welt um ihn herum verbrennt? Die Stoa gibt keine bequeme Antwort. Sie sagt: die Fähigkeit, trotzdem zu urteilen, trotzdem zu wählen, trotzdem Mensch zu sein. In Uvira tun das Menschen unter Bedingungen, unter denen die meisten Philosophen nie hätten schreiben müssen.

Tagesgedanke

Was dir genommen werden kann, gehörte dir nicht vollständig; was dir bleibt, wenn alles genommen ist, das ist, was du wirklich bist.


Quelle: BBC World — Originalartikel auf BBC.com