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Zwei Mächte, ein Planet: Was sich in zehn Jahren verschoben hat
Donald Trump tritt seine zweite Amtszeit in einer Welt an, in der China stärker, selbstbewusster und geopolitisch vernetzter ist als je zuvor. Was das für die USA bedeutet, analysiert die BBC mit Blick auf ein Jahrzehnt Machtverschiebung. Wer mit Kräften umzugehen lernt, die er nicht kontrollieren kann, findet bei Epiktet eine nüchterne Orientierung.

Was ist passiert?
Als Donald Trump 2015 zum ersten Mal in der politischen Arena auftauchte, war China eine aufstrebende Wirtschaftsmacht mit wachsenden regionalen Ambitionen. Als er nun seine zweite Amtszeit antritt, sieht er sich einem fundamental veränderten Gegenüber gegenüber.
Die BBC hat in einer Analyse vom Januar 2025 die geopolitischen Verschiebungen der vergangenen zehn Jahre zusammengefasst. Das Kernargument: China ist heute nicht nur wirtschaftlich mächtiger, sondern auch außenpolitisch entschlossener und global präsenter als zu Beginn von Trumps politischer Karriere. Ein zitierter Analyst bezeichnet Peking als "wohl den mächtigsten Konkurrenten, mit dem die USA in ihrer Geschichte konfrontiert wurden."
Konkret lassen sich vier Entwicklungen benennen. Erstens hat China seine militärische Kapazität erheblich ausgebaut, insbesondere die Marine und die nuklearen Streitkräfte. Zweitens hat Peking seinen Einfluss in Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens durch die Belt-and-Road-Initiative systematisch erweitert. Drittens ist die Beziehung zwischen China und Russland seit dem Angriff auf die Ukraine enger geworden, was westliche Strategen zwingt, beide Länder als koordinierte Herausforderung zu betrachten. Viertens hat China unter Xi Jinping innenpolitisch jeden ernsthaften Widerstand gegen die Zentralgewalt beseitigt und außenpolitisch eine härtere Rhetorik gegenüber Taiwan eingenommen.
Trumps erste Amtszeit war durch Handelskriege, Technologie-Sanktionen und verbale Konfrontation geprägt. Sein Versprechen, China durch Zölle und wirtschaftlichen Druck zu bändigen, stieß auf ein Land, das inzwischen weniger abhängig von US-amerikanischen Märkten und Technologien ist als noch 2017. Die Abhängigkeit hat sich teilweise umgekehrt: Kritische Mineralien, Batterietechnologie und Lieferketten verlaufen heute durch chinesische Hände.
Die Ausgangslage für Trumps zweite Amtszeit ist damit strukturell schwieriger. Geopolitische Analytiker unterscheiden dabei zwischen kurzfristigen Hebeln, die Washington noch besitzt, und langfristigen Trends, die sich Washington-intern kaum gestalten lassen.
Die stoische Perspektive
Wer die Beziehung zwischen den USA und China durch eine philosophische Linse betrachtet, landet schnell bei Epiktets zentralem Konzept: der Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was es nicht tut. Er nennt es die "prohairesis", die bewusste innere Wahl.
Epiktet schreibt im ersten Buch des Encheiridion: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht. In unserer Macht sind Meinung, Antrieb, Begehren, Abneigung." Alles andere, Gesundheit, Reichtum, Ansehen, und eben auch die Stärke anderer Mächte, liegt außerhalb.
Das klingt nach einer Einladung zur Passivität. Es ist das Gegenteil.
Epiktet war kein Quietist. Er lehrte in Nikopolis, nachdem er als Sklave freigelassen worden war, und er wusste aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in Verhältnissen zu leben, die man nicht kontrolliert. Seine Konsequenz war nicht Resignation, sondern Klarheit: Verschwendete Energie auf das Unkontrollierbare schwächt die Handlungsfähigkeit im Kontrollierbaren.
Auf die US-chinesische Rivalität übertragen: Washington kann nicht kontrollieren, wie schnell China seine Marine ausbaut, wie eng Peking und Moskau kooperieren oder wie erfolgreich die Belt-and-Road-Initiative in Afrika ist. Diese Entwicklungen sind das Ergebnis von Entscheidungen, die in anderen Hauptstädten getroffen wurden und werden.
Was Washington kontrollieren kann: die Qualität seiner eigenen Institutionen, die Kohärenz seiner Allianzen, die Verlässlichkeit seiner Zusagen und die innere Stärke seiner Demokratie. Marcus Aurelius formuliert das in den "Selbstbetrachtungen", Buch IV, Abschnitt 3, präzise: "Die Hindernisse für das Handeln fördern das Handeln. Was im Weg steht, wird zum Weg."
Wo Epiktet und Marcus besonders relevant werden, ist nicht die strategische Analyse, sondern die emotionale Reaktion. Trumps erste Amtszeit war geprägt von einem Stil, der Stärke durch Aggression signalisieren wollte. Die stoische Gegenthese lautet: Wer von der Stärke des Gegners erschüttert wird, beweist, dass er seine Stabilität außerhalb von sich selbst verankert hatte.
Seneca schreibt im 13. Brief an Lucilius: "Was uns verstört, sind nicht die Dinge selbst, sondern unsere Urteile über die Dinge." Die Frage ist also nicht, ob China stärker geworden ist. Die Frage ist, welches Urteil man darüber fällt und welches Handeln daraus folgt.
Hier liegt die produktive Spannung: Stoizismus ist keine Methode, unangenehme Wahrheiten zu ignorieren. Er ist eine Methode, sie ohne Verzerrung durch Angst oder Stolz zu sehen. Ein Land, das seine eigene Handlungsfähigkeit überschätzt, weil es nicht aushält, dass ein Konkurrent aufgeholt hat, reagiert schlechter, nicht besser.
Geopolitik ist kein Bereich, in dem philosophische Gelassenheit Strategie ersetzt. Aber ein Akteur, der seine eigene Stärke kennt, sie nicht überschätzt und sich nicht von der Stärke anderer lähmen lässt, hat einen strukturellen Vorteil gegenüber einem, der aus Angst oder Verleugnung handelt.
Zehn Jahre Machtverschiebung zwischen Washington und Peking sind historisch gesehen eine kurze Zeit. Was bleibt, ist die Frage, welche innere Haltung ein Akteur zu diesen Veränderungen einnimmt, und ob er seine Energie auf das richtet, was er tatsächlich gestalten kann.
Tagesgedanke
Wer seine Stabilität in der Schwäche anderer verankert, verliert sie, sobald diese stark werden.
Quelle: BBC World — Originalartikel auf bbc.com
QuelleBBC World →
