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Raffinerien in Flammen: Was wir kontrollieren können und was nicht
Zum dritten Mal traf ein ukrainischer Angriff die russische Ölraffinerie in Tuapse. Anwohner wurden evakuiert, der Kreml spricht von Destabilisierung der Energiemärkte. Die Philosophie fragt: Was bleibt uns in einer Situation, die wir nicht steuern können?

Was ist passiert?
Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit hat die Ukraine nach Angaben russischer und britischer Quellen die Ölraffinerie in Tuapse am Schwarzen Meer angegriffen. Die Anlage, die zu den größten Raffinerien Russlands gehört, geriet erneut in Brand. Russische Behörden ordneten die Evakuierung von Anwohnern umliegender Gebiete an.
Der russische Katastrophenschutz bestätigte den Einsatz von Löschkräften. Genaue Angaben zu Verletzten oder zur Schadenshöhe lagen zunächst nicht vor. Der Kreml reagierte mit einer offiziellen Erklärung: Die ukrainischen Angriffe auf russische Energieinfrastruktur destabilisierten die globalen Energiemärkte und träfen damit auch westliche Länder.
Die Raffinerie in Tuapse verarbeitet russisches Rohöl und ist Teil jener Energieinfrastruktur, über deren Exporterlöse Russland seinen Krieg teilweise finanziert. Kiew hat wiederholt erklärt, genau diese Einnahmenquellen treffen zu wollen. Die Ukraine bezeichnet die Angriffe auf Raffinerien als legitime militärische Maßnahmen gegen die Kriegswirtschaft des Angreifers. Russland wertet sie als Terrorakte gegen zivile Infrastruktur.
Die BBC berichtet, dass es sich um den dritten Treffer auf dieselbe Anlage handelt, was auf eine systematische Vorgehensweise hindeutet. Über die verwendeten Waffen wurden keine gesicherten Informationen veröffentlicht. Die Evakuierungen betrafen Wohngebiete in der Nähe der brennenden Anlage, wobei unklar blieb, wie viele Menschen betroffen waren.
Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow machte in einer Stellungnahme deutlich, dass Moskau die Verantwortung für mögliche Preissteigerungen auf den internationalen Energiemärkten bei Kiew sehe. Diese Argumentation zielt offensichtlich auf westliche Länder, die die Ukraine unterstützen und gleichzeitig wirtschaftliche Folgen von Energiepreiserhöhungen fürchten.
Die stoische Perspektive
Wer Epiktets "Enchiridion" aufschlägt, findet gleich im ersten Abschnitt den Kern seiner gesamten Philosophie: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." Er nennt diese Unterscheidung nicht als theoretische Spielerei, sondern als praktische Anleitung für genau jene Situationen, in denen Menschen unter extremem Druck handeln müssen.
Der Krieg in der Ukraine ist ein Lehrbuch solcher Situationen. Eine Raffinerie brennt in Tuapse. Anwohner verlassen ihre Häuser in der Nacht. Gleichzeitig trifft Kiew eine Entscheidung über Ziele, Mittel und Zeitpunkt. Und in Brüssel, Berlin oder Washington fragt sich jemand, was steigende Ölpreise für die nächste Heizkostenabrechnung bedeuten.
Epiktet würde die Frage so stellen: Was liegt in deiner Macht? Nicht der Krieg als solcher. Nicht das Handeln des Gegners. Nicht die Flammen in Tuapse. Was liegt in deiner Macht ist einzig die eigene Entscheidung, der eigene Charakter, die Qualität des eigenen Urteils.
Für die Ukraine als handelnde Partei bedeutet das eine unbequeme Frage: Ist der Angriff auf eine Raffinerie, bei dem Zivilisten evakuiert werden müssen, eine Handlung, die sich mit dem eigenen Verständnis von gerechtem Handeln vereinbaren lässt? Die Stoa hat keine einfache Antwort darauf. Marcus Aurelius schrieb in seinen "Selbstbetrachtungen" (Buch IX, 1): "Wer Unrecht tut, tut sich selbst Unrecht. Wer ungerecht handelt, macht sich selbst schlechter." Das klingt nach einer Absage an Vergeltung. Aber Marcus war selbst Feldherr, er führte Kriege an der Donau und ließ Entscheidungen treffen, die Menschen das Leben kosteten.
Die Stoa verbietet Gewalt nicht grundsätzlich. Sie unterscheidet zwischen Handlungen aus Leidenschaft und Handlungen aus Vernunft. Das stoische Konzept des "kathêkon", der angemessenen Handlung, erlaubt es, dass ein Soldat kämpft, ein Feldherr angreift und eine Gesellschaft sich verteidigt, wenn diese Handlungen dem Wohl der Gemeinschaft dienen und aus klarem Urteil entstehen, nicht aus Hass oder Rache.
Was die stoische Analyse für den Beobachter von außen bietet, ist weniger eine Bewertung der Kriegführung als eine Mahnung zur Unterscheidung. Der Kreml wirft der Ukraine vor, globale Energiemärkte zu destabilisieren. Das ist eine politische Rhetorik, die darauf zielt, Schuldgefühle im Westen zu erzeugen. Seneca schrieb in seinen "Epistulae Morales" (Brief 77): "Omnia aliena sunt, tempus tantum nostrum est." Alles andere gehört uns nicht, nur die Zeit gehört uns. Mit anderen Worten: Lass dich nicht von Dingen bewegen, die nicht in deiner Macht stehen.
Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit gegenüber brennenden Gebäuden oder evakuierten Familien. Es bedeutet Klarheit darüber, was du aus dieser Situation tatsächlich folgern kannst und was du dir nur einredest, um nicht handeln zu müssen.
Die Anwohner von Tuapse haben in dieser Nacht keine Wahl gehabt. Ihr Handlungsspielraum war auf den Weg zur nächsten Notunterkunft reduziert. Das ist das nüchterne Gesicht des Krieges: Äußere Ereignisse, auf die Menschen keinen Einfluss haben, dringen in ihr Leben ein und zwingen sie zur Reaktion. Resilienz entsteht nicht daraus, dass man das Feuer löscht, sondern daraus, wie man mit sich selbst umgeht, während die Flammen noch brennen.
Tagesgedanke
Unterscheide genau, was in deiner Macht liegt, und verschwende keinen Gedanken daran, was es nicht tut.
Quelle: BBC World — Originalartikel auf bbc.com
QuelleBBC World →
