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Wenn eine Gesellschaft neu anfängt: Syrien und die Last der Ordnung
Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa hat das Kabinett umgebildet, erstmals seit dem Fall des Assad-Regimes. Wirtschaftliche Verschlechterung und politischer Druck zwangen zur Reaktion. Was das mit dem Wesen von Macht, Verantwortung und dem Unterschied zwischen Kontrolle und Einfluss zu tun hat, zeigt ein Blick auf die Philosophen der Stoa.

Was ist passiert?
Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa hat das Kabinett umgebildet. Es ist die erste Regierungsumbildung seit dem Ende des Assad-Regimes Ende 2024. Das berichtet Zeit Online unter Berufung auf Angaben aus Damaskus.
Der Schritt kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die wirtschaftliche Lage im Land sich nach Berichten deutlich verschlechtert hat. Kritik an der bisherigen Regierung war zuletzt lauter geworden, sowohl aus der Bevölkerung als auch aus politischen Kreisen. Konkret genannte Kritikpunkte betreffen die Unfähigkeit, die wirtschaftliche Stabilisierung nach Jahren des Bürgerkriegs voranzutreiben.
Al-Scharaa führt Syrien seit dem Sturz Baschar al-Assads. Seine Bewegung Hayat Tahrir al-Sham hatte im Dezember 2024 maßgeblich zum Ende der Herrschaft Assads beigetragen. Seither steht das Land vor der enormen Aufgabe, nach Jahrzehnten autoritärer Herrschaft staatliche Strukturen neu aufzubauen, internationale Anerkennung zu gewinnen und gleichzeitig eine Bevölkerung zu versorgen, die durch Krieg, Flucht und wirtschaftliche Isolation geschwächt ist.
Die Kabinettsumbildung ist ein Standardinstrument politischer Systeme weltweit, um auf innenpolitischen Druck zu reagieren. Dass sie in Syrien überhaupt stattfindet, ist ein Zeichen dafür, dass ein Mindestmaß an institutioneller Normalität angestrebt wird. Ob die neuen Minister tatsächlich in der Lage sind, die wirtschaftliche Lage zu verbessern, bleibt abzuwarten. Sanktionen, zerstörte Infrastruktur, fehlende ausländische Investitionen und ein noch kaum funktionierendes Bankensystem setzen dem Land weiterhin enge Grenzen.
Über die genaue personelle Zusammensetzung des neuen Kabinetts und die inhaltlichen Schwerpunkte der Umbildung lagen zum Zeitpunkt dieser Analyse noch keine vollständigen Details vor.
Die stoische Perspektive
Wer Macht übernimmt, übernimmt zuerst die Illusion der Macht. Das ist keine zynische Beobachtung, sondern eine nüchterne Beschreibung dessen, was Führung in zerrütteten Staaten bedeutet: Man hält das Steuer, aber man fährt auf einem Schiff, das andere beschädigt haben, durch ein Meer, das man nicht beherrscht.
Epiktet macht in seinen Gesprächen, den Diatribes, eine grundlegende Unterscheidung. Was liegt in unserer Macht? Unser Urteil, unser Streben, unser Handeln. Was liegt nicht in unserer Macht? Körper, Ruf, Reichtum, politische Ämter und alles, was außerhalb unseres eigenen Willens geschieht. Im zweiten Buch seiner Gespräche (II, 5) formuliert er: "Suche nicht, dass die Ereignisse so geschehen, wie du es willst, sondern wünsche, dass die Ereignisse so sind, wie sie sind, und du wirst ungestört bleiben."
Al-Scharaa und sein Kabinett regieren ein Land, dessen Wirtschaft durch einen Jahrzehnte langen Bürgerkrieg und externe Sanktionen strukturell beschädigt ist. Sanktionen heben die USA teilweise auf, der internationale Prozess ist langsam. Infrastruktur lässt sich nicht per Dekret reparieren. Vertrauen entsteht nicht durch Bekanntmachungen. Hier liegt das Problem jeder Übergangsregierung: Die Erwartungen der Bevölkerung folgen der Logik der Erleichterung ("der Tyrann ist weg, jetzt wird alles besser"), während die Realität der Wiederherstellung der Logik des Jahrzehnts folgt.
Was ein Kabinett kontrolliert: wen es einsetzt, welche Prioritäten es formuliert, wie es kommuniziert, ob es Korruption duldet oder bekämpft, ob es Minderheiten einbezieht oder ausschließt. Was es nicht kontrolliert: den Ölpreis, die Geschwindigkeit internationaler Sanktionsaufhebung, das Vertrauen ausländischer Investoren, das kollektive Trauma einer kriegsmüden Gesellschaft.
Marcus Aurelius, der selbst ein Leben lang zwischen philosophischem Anspruch und politischer Wirklichkeit pendelte, schreibt in seinen Selbstbetrachtungen (VI, 2): "Wenn etwas schwer für dich selbst zu leisten ist, glaube nicht, dass es für Menschen unmöglich ist; sondern wenn etwas für Menschen möglich und ihnen angemessen ist, halte es auch für dich erreichbar." Er meint damit nicht Optimismus als Haltung, sondern die Pflicht, das Erreichbare mit vollem Einsatz anzugehen, ohne die Grenzen des Erreichbaren zu verleugnen.
Genau diese Doppelperspektive ist der Kern politischer Vernunft nach Störungen dieser Größenordnung: Die Situation nicht schönreden, aber auch nicht in Passivität verfallen, weil das Ganze zu groß wirkt.
Die Kabinettsumbildung ist, in diesem Licht gelesen, kein Triumph und kein Versagen. Sie ist ein Zeichen, dass Responsivität versucht wird, dass auf Kritik reagiert wird, anstatt sie zu unterdrücken. Das unterscheidet eine Übergangsregierung, die Institutionen aufbauen will, von einer, die nur Macht konsolidiert. Ob diese Unterscheidung für Syrien trägt, wird sich in Monaten und Jahren zeigen, nicht in Tagen.
Was bleibt, ist eine philosophisch nüchterne Frage an jeden, der in einer solchen Lage Verantwortung trägt: Weißt du, was in deiner Macht liegt? Und handelst du dort, wo du wirklich handeln kannst, mit voller Entschlossenheit, während du aufhörst, dich an dem zu reiben, was du nicht ändern kannst? Das ist keine leichte Frage. Aber es ist die einzig produktive.
Tagesgedanke
Echte Führung beginnt dort, wo jemand klar benennt, was er ändern kann, und aufhört, so zu tun, als könnte er alles ändern.
Quelle: Zeit Online, Originalartikel
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