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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit3. Juni 2026

Wenn Loyalität zu bröckeln beginnt: Russland im fünften Kriegsjahr

Mehr als vier Jahre nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine zeigen sich laut BBC selbst unter Putin-Loyalisten erste öffentliche Zweifel. Was passiert mit einem Menschen, dessen Urteil langsam gegen die eigene Überzeugung arbeitet?

Wenn Loyalität zu bröckeln beginnt: Russland im fünften Kriegsjahr

Was ist passiert?

Russland hat die Intensität seiner Angriffe auf die Ukraine zuletzt weiter erhöht. Das berichtet die BBC in einer Analyse, die sich nicht nur mit dem militärischen Geschehen befasst, sondern mit einer subtileren Verschiebung: der öffentlichen Stimmung innerhalb Russlands.

Mehr als vier Jahre nach Beginn des groß angelegten Einmarsches im Februar 2022 zeigt sich, dass selbst Menschen, die bislang als verlässliche Unterstützer des Kremls galten, Bedenken formulieren. Die BBC beschreibt keine Massenbewegung, keinen organisierten Widerstand. Es geht um etwas Unauffälligeres: Stimmen, die leiser werden, Fragen, die gestellt werden, Zweifel, die sich in einem Diskursraum zeigen, der bislang weitgehend gleichgeschaltet war.

Putin selbst bleibt dabei unnachgiebig. Seine öffentlichen Aussagen zur Ukraine signalisieren keine Kompromissbereitschaft. Die Kriegsziele seien unverändert, die militärischen Operationen gehen weiter.

Die Besonderheit der Analyse liegt im Kontrast: Während die offizielle Linie hart bleibt, berichten Journalisten und Beobachter von Signalen des Unbehagens aus Kreisen, die sich sonst durch Konformität auszeichneten. Ob es sich dabei um einen tatsächlichen Stimmungswandel handelt oder um vereinzelte Ausreißer, ist schwer zu beurteilen. Die russische Informationsumgebung, geprägt durch staatliche Medienkontrolle und ein Zensurgesetz, das Kriegskritik unter Strafe stellt, macht verlässliche Messungen nahezu unmöglich.

Was die BBC dokumentiert, ist also kein Umbruch, sondern ein Riss. Ein feines Muster im Beton einer Gesellschaft, die seit Jahren unter dem Gewicht einer Entscheidung lebt, die sie selbst nicht getroffen hat.

Die stoische Perspektive

Epiktet, der als Sklave in Rom lebte und später freigelassener Philosoph wurde, formulierte eine Unterscheidung, die bis heute präzise ist: Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen, und Dinge, die es nicht tun. In seiner Sammlung der "Enchiridion" beginnt er damit: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." (Enchiridion, 1)

Das klingt simpel. Gemeint ist etwas Radikales.

Was in unserer Macht steht, ist nach Epiktet ausschließlich unser inneres Urteil, unsere Absichten, unser moralisches Handeln. Was nicht in unserer Macht steht: äußere Ereignisse, politische Entscheidungen, der Verlauf eines Krieges, die Haltung eines Herrschers. Wer versucht, Kontrolle über das Unkontrollierbare zu gewinnen, kauft sich Elend ein.

Hier liegt der stoische Kern des Geschehens in Russland.

Die Menschen, die nun leise Fragen stellen, stehen vor einer Situation, die Epiktet präzise beschrieben hätte: Sie können den Krieg nicht beenden. Sie können Putin nicht stoppen. Sie können die Medien nicht öffnen. All das liegt außerhalb ihrer Macht. Aber sie können urteilen. Sie können innerlich unterscheiden, was wahr ist und was nicht. Sie können ihre Zustimmung verweigern, auch wenn das Verweigern kein sichtbares Ergebnis hat.

Marc Aurel schrieb in seinen "Selbstbetrachtungen": "Du hast Macht über deinen Geist, nicht über äußere Ereignisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden." (Selbstbetrachtungen, VI, 8 -- hier: zitiert in historisch überlieferter Paraphrase, da keine gesicherte Buchstellen-Direktübersetzung)

Aber an dieser Stelle lohnt ein ehrlicherer Blick auf die Grenzen der Philosophie.

Epiktet lehrte innere Freiheit unter einem System, das Sklaverei für selbstverständlich hielt. Seine Lehre half ihm zu überleben, keine Frage. Doch wer ausschließlich auf die innere Haltung verweist, läuft Gefahr, äußere Ungerechtigkeit zu normalisieren. Die Stoiker, allen voran Marc Aurel, hatten tatsächlich Macht und nutzten sie. Die meisten Menschen, die heute in Russland schweigen, haben diese Macht nicht.

Was die Stoa hier trotzdem anbietet, ist keine Entschuldigung für Passivität, sondern eine Diagnose der Mechanismen, die Loyalität am Leben erhalten. Seneca schrieb in seinen "Epistulae morales" an Lucilius: "Nusquam est qui ubique est." Wer überall ist, ist nirgends. (Epistulae morales, II, 2)

Gemeint war: Wer sich gedankenlos mit allen Strömungen mitbewegt, verliert den Ankerpunkt des eigenen Urteils. Loyalität, die nicht auf Überzeugung beruht, sondern auf Gewöhnung, Angst oder sozialem Druck, ist kein Urteil, sondern ein Reflex. Wenn selbst Loyalisten nun zweifeln, dann nicht weil sie plötzlich philosophisch wurden, sondern weil die Realität des Krieges die kognitiven Schutzmechanismen überfordert.

Das Bröckeln von Loyalität ist in diesem Sinne kein politischer Akt. Es ist ein anthropologischer Vorgang. Der Verstand verweigert irgendwann die Bestätigung dessen, was die Wahrnehmung widerlegt. Vier Jahre Krieg, steigende Verluste, wirtschaftlicher Druck und das Leben mit Widersprüchen fordern das innere Urteil heraus, und irgendwann siegt das Urteil über die Gewohnheit.

Die Stoiker hätten das als ersten Schritt bezeichnet: nicht Widerstand, nicht Rebellion, sondern das Wiedererlangen des eigenen prohairesis, der bewussten Wahl des eigenen Urteils. Der Raum zwischen dem äußeren Druck und der inneren Reaktion bleibt bestehen, auch wenn er verengt ist. Wer diesen Raum nutzt, auch nur im Stillen, hat etwas zurückgewonnen, das kein Regime mit Gesetzen füllen kann.

Tagesgedanke

Wer zustimmt, ohne zu prüfen, hat sein Urteil bereits abgegeben.


Quelle: BBC World — Originalartikel auf BBC.com