Skip to content
← Alle NewsAnalyseZeit Online4 Min. Lesezeit21. Juli 2026

Gerechtigkeit im Angesicht der Gewalt: Die Pflicht des Weltbürgers

Die neuen Zahlen zu rechter Gewalt in Deutschland zeigen ein anhaltend hohes Niveau der Bedrohung. Die stoische Philosophie liefert eine klare Antwort darauf, warum Gelassenheit nicht mit Tatenlosigkeit gleichzusetzen ist.

Gerechtigkeit im Angesicht der Gewalt: Die Pflicht des Weltbürgers

Was ist passiert?

Die Zahl rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten in Deutschland verharre weiterhin auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Dies geht aus der aktuellen Jahresbilanz des Verbandes der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) hervor, über die Zeit Online berichtet. Im Jahr 2025 registrierten die unabhängigen Beratungsstellen in den zehn Bundesländern, in denen eine systematische Erfassung stattfindet, insgesamt 4.232 Betroffene solcher Angriffe. Das entspricht durchschnittlich mehr als elf Opfern pro Tag.

Unter den Betroffenen befinden sich laut der Statistik auch 347 Kinder und Jugendliche. Die dokumentierten Taten reichen von rassistisch motivierten Körperverletzungen über massive Bedrohungen bis hin zu Brandstiftungen und gezielten Angriffen auf Geflüchtetenunterkünfte sowie politische Gegner. Die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung der Beratungsstellen erheblich höher liegen, da nicht alle Vorfälle zur Anzeige gebracht oder von den Betroffenen den Beratungsnetzwerken gemeldet werden.

Der VBRG weist darauf hin, dass die Bedrohungslage insbesondere für marginalisierte Gruppen sowie politisch und zivilgesellschaftlich engagierte Personen im Alltag allgegenwärtig bleibt. Ein Schwerpunkt der Angriffe lag im Jahr 2025 erneut auf rassistischen Tatmotiven, gefolgt von antisemitischen Übergriffen und Angriffen auf Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität.

Die Opferberatungsstellen fordern angesichts dieser Entwicklung eine verlässlichere staatliche Unterstützung für Betroffene sowie eine konsequentere Strafverfolgung der Täter. Die Justiz müsse die politischen und menschenfeindlichen Motive hinter den Taten deutlicher als solche erkennen und in den Urteilen berücksichtigen. Der Bericht verdeutlicht, dass die gesellschaftliche Polarisierung und die Radikalisierung an den Rändern der Gesellschaft unmittelbare, physische Konsequenzen für Tausende Menschen im Land haben.

Die stoische Perspektive

Beim Blick auf die Zahlen rechter Gewalt und die damit einhergehende gesellschaftliche Spaltung gerät ein weitverbreitetes Missverständnis der stoischen Philosophie in den Fokus: die Annahme, Stoizismus bedeute passive Gleichgültigkeit gegenüber dem Weltgeschehen. Wer die Lehre auf die bloße Akzeptanz des Unvermeidbaren reduziert, übersieht das Fundament der stoischen Ethik, die vier Kardinaltugenden. Neben Weisheit, Mut und Mäßigung ist es vor allem die Gerechtigkeit (Dikaiosyne), die das stoische Handeln bestimmt.

Hier greift das Prinzip der Sympatheia, die Vorstellung, dass alle Menschen Teil eines gemeinsamen Organismus sind. Der Stoizismus begreift den Menschen als Kosmopolitenn, als Weltbürger, der eine Verantwortung für die Gemeinschaft trägt. Wenn ein Teil dieses Organismus durch Gewalt und Hass verletzt wird, betrifft dies das Ganze.

Marcus Aurelius formulierte diese Verbundenheit in seinen Selbstbetrachtungen sehr deutlich:

„Was dem Bienenstock nicht nützt, das nützt auch der einzelnen Biene nicht.“ (Selbstbetrachtungen, Buch VI, 54)

Aus dieser Perspektive ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Gewalt an Mitmenschen kein Zeichen stoischer Ruhe, sondern ein moralisches Versagen. Die Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht liegt, und dem, was außerhalb unserer Kontrolle liegt, die sogenannte Dichotomie der Kontrolle, wird hier oft falsch angewendet. Wir können die Gesinnung und die Taten anderer Menschen nicht direkt kontrollieren. Was jedoch sehr wohl in unserer Macht liegt, ist unser eigenes Urteil über diese Ungerechtigkeiten und unsere Entscheidung, wie wir darauf reagieren.

Ein Stoiker begegnet dem Hass nicht mit eigenem Hass oder zerstörerischem Zorn. Zorn gilt in der Stoa als eine Form von vorübergehendem Wahnsinn, der das klare Denken vernebelt und zu unüberlegten Handlungen führt. Seneca widmete diesem Affekt ein ganzes Werk und betonte darin, dass der Kampf gegen das Unrecht nicht aus der Emotion des Zorns heraus geführt werden darf, sondern aus einer gefestigten Pflicht zur Gerechtigkeit. Wer aus Zorn handelt, wird selbst unberechenbar und verlässt den Pfad der Vernunft. Die Verteidigung der Schwachen und der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft geschehen im Stoizismus aus einer ruhigen, entschlossenen Haltung der Vernunft heraus.

Der Schutz von Minderheiten und das Eintreten gegen rechte Gewalt sind somit keine optionalen politischen Positionen, sondern direkte Pflichten, die sich aus der menschlichen Natur und der Vernunft ergeben. Wer wegschaut, wenn Mitbürger attackiert werden, entzieht sich der stoischen Pflicht zur Gemeinschaftspflege. Die Bewahrung der eigenen Seelenruhe darf niemals auf Kosten der Gerechtigkeit für andere erkauft werden.

Tagesgedanke

Gerechter Zorn ist ein Widerspruch in sich: Wir müssen die Ungerechtigkeit mit entschlossener Vernunft bekämpfen, ohne uns selbst vom Gift des Hasses anstecken zu lassen.


Quelle: Zeit Online