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Wenn Ratten die Nacht regieren: Würde unter dem Druck des Unerträglichen
In den Vertriebenenlagern des Gazastreifens kämpfen Menschen nicht nur gegen Hunger und Kälte, sondern gegen Ratten und Wiesel, die Krankheiten verbreiten. Wer entscheidet, was bleibt, wenn alles andere weggenommen wird? Eine Auseinandersetzung mit dem, was Epiktet die einzige wahre Freiheit nannte.

Was ist passiert?
Im Gazastreifen kämpfen Vertriebene in provisorischen Lagern zunehmend gegen eine weitere Bedrohung: Ratten, Wiesel und anderes Ungeziefer, das sich in den dicht besiedelten Zeltstädten und Behelfsunterkünften ausgebreitet hat. Der BBC-Bericht vom Mai 2025 dokumentiert Augenzeugenberichte von Menschen, die nachts nicht schlafen können, weil Ratten über sie und ihre Kinder kriechen. "If we sleep, they bite", so die Aussage einer betroffenen Person gegenüber der BBC.
Die hygienischen Bedingungen in den Lagern sind nach mehr als eineinhalb Jahren anhaltenden Konflikts und Vertreibung extrem. Überfüllte Unterkünfte ohne funktionierendes Abwassersystem, Mangel an regelmäßiger Müllentsorgung und die generelle Zerstörung städtischer Infrastruktur haben ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Schädlingen geschaffen. Ratten gelten als Überträger von Leptospirose, Salmonellen und weiteren Infektionskrankheiten. In einem Umfeld, in dem medizinische Versorgung gleichzeitig zusammengebrochen ist, ist das Risiko für Kinder und geschwächte Erwachsene besonders hoch.
Die BBC zitiert Bewohner der Lager, die beschreiben, wie sie abwechselnd wach bleiben, um Kinder vor Bissen zu schützen. Schlaf, ohnehin bereits durch Angst, Lärm und Kälte fragmentiert, wird zur bewussten Entscheidung gegen körperliche Unversehrtheit. Hilfsorganisationen, deren Zugang seit Monaten eingeschränkt ist, sind laut dem Bericht nicht in der Lage, systematische Schädlingsbekämpfung zu betreiben. Die zuständigen internationalen Stellen haben bislang keine koordinierten Maßnahmen angekündigt, die dem Ausmaß des Problems entsprechen würden.
Der Bericht stellt keine politische Analyse auf, er beschreibt eine physische Realität: Menschen schlafen nicht, weil Ratten beißen.
Die stoische Perspektive
Es gibt eine Versuchung, stoische Philosophie genau hier zu missbrauchen. Den Menschen in diesen Lagern zu sagen, sie sollten "innere Ruhe finden" oder "das Unkontrollierbare akzeptieren", wäre keine Philosophie, sondern Zynismus. Epiktet wäre der Erste, der dagegen protestierte.
Epiktet, selbst ein versklavter Mann, der körperliche Qual und vollständige Machtlosigkeit aus eigener Erfahrung kannte, unterschied radikal zwischen zwei Bereichen: dem, was in unserer Macht steht (prohairesis, die bewusste Wahl und Haltung), und dem, was außerhalb liegt (ta ektos, die äußeren Dinge). In seinen "Gesprächen", aufgezeichnet von seinem Schüler Arrian, formulierte er es so: "Unter allem gibt es Dinge, die in unserer Macht stehen, und Dinge, die nicht in unserer Macht stehen. In unserer Macht stehen Meinung, Trieb, Verlangen, Abneigung." (Encheiridion, 1.1)
Ratten, Hunger, Vertreibung, zerstörte Infrastruktur, das liegt nicht in der Macht der Menschen in diesen Lagern. Epiktet hätte das nicht bestritten. Was er behauptete, war etwas Präziseres und in seiner Radikalität fast Unzumutbares: Dass die Fähigkeit zu wählen, wie man auf diese Umstände reagiert, nicht weggenommen werden kann. Nicht durch Ratten, nicht durch Besatzung, nicht durch Hunger.
Aber hier ist der Einwand, den man ernstnehmen muss: Gilt das noch, wenn der Körper durch Schlafentzug und Krankheit zermürbt wird? Epiktet selbst war chronisch krank und behindert. Er antwortete nicht mit Triumphgeste, sondern mit einer nüchternen Diagnose: Der Körper gehört zu den "äußeren Dingen". Die Würde, die ein Mensch sich selbst gegenüber bewahren kann, seine Urteilskraft, sein Mitgefühl für andere Leidende, seine Weigerung, sich selbst aufzugeben, das bleibt. Auch wenn Ratten beißen.
Marcus Aurelius, der als Kaiser die entgegengesetzte Machtposition innehatte, schrieb in seinen "Selbstbetrachtungen" (V.8): "Hindere ich dich nicht, überzeuge ich mich nicht: tu, was dir gut scheint." Er meinte damit, dass äußere Umstände zwar einschränken, aber nicht definieren. Was in Gaza sichtbar wird, ist genau das: Menschen, die sich in Schlaflosigkeit und Bedrohung gegenseitig wach halten, Schichten einteilen, Kinder schützen. Das ist keine passive Akzeptanz, das ist prohairesis unter extremen Bedingungen. Handeln im Rahmen des Möglichen, ohne die Illusion, mehr kontrollieren zu können als man tatsächlich kontrolliert.
Die stoische Analyse verlangt aber auch den zweiten Blick: die Frage nach denen, die mehr Kontrolle hätten. Seneca schrieb in seinen Briefen an Lucilius (Epistulae Morales, 95.51): "Homo sacra res homini." Der Mensch ist dem Menschen heilig. Wer Lager verwaltet, wer Hilfsgüter blockiert, wer politische Entscheidungen trifft, die Menschen mit Ratten schlafen lassen, der trägt eine andere philosophische Last. Die Dichotomie der Kontrolle entlastet nicht die Handlungsfähigen, sie beschreibt die Grenzen der Ohnmächtigen.
Es gibt keinen stoischen Trost, der die Lage erträglich macht. Was die Philosophie leistet, ist schärfer und ehrlicher: Sie zeigt, wo menschliche Würde aufhört, davon abhängig zu sein, ob Ratten beißen.
Tagesgedanke
Was dir genommen werden kann, war nie wirklich deins; was bleibt, wenn alles genommen ist, das war immer du.
Quelle: BBC World — Originalartikel
QuelleBBC World →
