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Die Sprache der Rechtfertigung: Was Putins Victory Day-Rede über Macht und Selbsttäuschung verrät
Zum 80. Jahrestag des sowjetischen Kriegsendes hielt Wladimir Putin auf dem Roten Platz seine jährliche Rede und nutzte sie erneut zur Rechtfertigung des Krieges in der Ukraine. Eine stoische Analyse fragt nicht, wer Recht hat, sondern wer sich selbst belügt.

Was ist passiert?
Am 9. Mai 2025 fand in Moskau die jährliche Militärparade zum Tag des Sieges statt, mit der Russland den sowjetischen Sieg über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg begeht. Der 80. Jahrestag des Kriegsendes war ursprünglich für eine besonders große Parade geplant gewesen. Tatsächlich fiel die Veranstaltung jedoch kleiner aus als in früheren Jahren, unter anderem aus Sicherheitsgründen infolge ukrainischer Drohnenangriffe auf russisches Territorium in den Tagen zuvor.
Wladimir Putin hielt seine traditionelle Rede auf dem Roten Platz vor Militärverbänden, geladenen Staatsgästen und der Öffentlichkeit. Unter den anwesenden ausländischen Staatsgästen befanden sich laut BBC unter anderem der chinesische Präsident Xi Jinping sowie mehrere Staats- und Regierungschefs aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Westliche Staaten waren nicht vertreten.
In seiner Rede verurteilte Putin die NATO scharf und bezeichnete das westliche Verteidigungsbündnis als existenzielle Bedrohung für Russland. Er rechtfertigte den seit Februar 2022 andauernden Angriffskrieg gegen die Ukraine als sogenannte "Spezielle Militäroperation" und stellte ihn in die historische Kontinuität des Kampfes gegen den Nationalsozialismus. Die Ukraine und ihre westlichen Verbündeten würden, so der Subtext seiner Argumentation, eine vergleichbare Gefahr darstellen wie das Deutschland des Dritten Reichs.
Die Verkleinerung der Parade gegenüber ursprünglichen Planungen wurde von russischen Behörden mit Sicherheitsbedenken begründet. In den Tagen vor dem 9. Mai hatte die Ukraine Drohnenangriffe auf Moskau und andere russische Städte durchgeführt. Mehrere Flughäfen in der Region Moskau wurden zeitweise gesperrt.
Die Rede wurde international verfolgt und von westlichen Regierungen erwartungsgemäß kritisiert. Der Krieg in der Ukraine dauert zum Zeitpunkt der Parade bereits über drei Jahre an, mit hunderttausenden Toten auf beiden Seiten und keiner absehbaren Verhandlungslösung.
Die stoische Perspektive
Putins Rede ist, philosophisch betrachtet, ein Lehrstück über das, was Epiktet als die größte Quelle menschlichen Leidens und Irrtums beschrieb: die Verwechslung von Urteil und Wirklichkeit.
Epiktet schreibt in seinem Encheiridion, Kapitel 1: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht. In unserer Macht sind Meinung, Antrieb, Begehren, Meiden, kurz: alles, was unser eigenes Handeln ist. Nicht in unserer Macht sind Körper, Ruf, Herrschaft, kurz: alles, was nicht unser eigenes Handeln ist."
Putin macht in seiner Rede genau den Fehler, vor dem Epiktet warnt: Er behandelt Dinge, die außerhalb seiner Kontrolle liegen, nämlich die Entscheidungen der NATO, die Geschichte, die Reaktionen anderer Staaten, als wären sie Ursachen, die sein Handeln zwingend notwendig machen. Damit nimmt er sich selbst aus der moralischen Verantwortung. Es ist eine Rhetorik der Sachzwänge: Ich handle nicht, ich reagiere nur. Die Umstände haben keine Wahl gelassen.
Die Stoa kennt dieses Muster. Marcus Aurelius beschreibt in seinen Selbstbetrachtungen (Buch 4, Kapitel 3) die menschliche Neigung, äußere Ereignisse als Ursache des eigenen Tuns zu benennen, anstatt die eigene Urteilskraft zu befragen. "Die Dinge berühren die Seele nicht; sie haben keinen Zutritt zu ihr; unsere Unruhe kommt nur von der Meinung, die im Innern ist."
Das ist kein politischer Freispruch für irgendjemanden in diesem Konflikt. Es ist eine philosophische Beobachtung über die Struktur von Rechtfertigungen: Wer sein Handeln ausschließlich mit äußeren Ursachen begründet, hat aufgehört, sein eigenes Urteilsvermögen zu befragen.
Was würde Seneca zu dieser Rede sagen? Seneca, der selbst am Hof eines mächtigen und unberechenbaren Kaisers lebte und schließlich von Nero in den Tod getrieben wurde, schrieb in seinen Epistulae Morales (Brief 47): Macht korrumpiert nicht durch das, was sie einem gibt, sondern durch das, was sie einem nimmt: die Fähigkeit, ehrliches Feedback zu empfangen. Ein Machthaber, der von Jubel umgeben ist und Widerspruch als Feindschaft deutet, verliert schrittweise den Zugang zur Wirklichkeit.
Genau diese Isolation ist in Putins Rhetorik spürbar. Die Rede auf dem Roten Platz richtet sich nicht an Skeptiker, sie richtet sich an ein Publikum, das bereits überzeugt ist, und an eine Weltöffentlichkeit, die überzeugt werden soll. Das ist keine Reflexion, das ist Inszenierung.
Die stoische Frage lautet hier nicht: Hat Putin Recht oder Unrecht? Die stoische Frage lautet: Wer in dieser Situation, ob Politiker, Journalist oder Bürger, ist bereit, sein eigenes Urteil zu überprüfen, anstatt die Umstände als Entschuldigung zu benutzen?
Denn das gilt nicht nur für Staatsoberhäupter. Jeder Mensch neigt dazu, seine eigenen Handlungen als erzwungen und die Handlungen anderer als frei gewählt wahrzunehmen. Der Unterschied zwischen einem Privatmenschen und einem Kriegsführer liegt im Ausmaß der Konsequenzen, nicht in der Psychologie des Mechanismus.
Marc Aurels Mahnung bleibt aktuell: Die Macht verändert die Realität nicht. Sie verändert nur, wie leicht man aufhört, sie zu sehen.
Tagesgedanke
Wer alle seine Entscheidungen mit äußeren Zwängen erklärt, hat nicht aufgehört zu handeln, sondern nur aufgehört, sich selbst zuzusehen.
Quelle: BBC World, Originalartikel bei BBC News
QuelleBBC World →
