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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit28. April 2026

Der ewige Sturm: Politische Gewalt in Amerika und die Frage, was wir kontrollieren können

Politische Gewalt in den USA hat laut BBC einen vertrauten Zyklus erreicht, der sich nun schneller dreht als je zuvor. Wer verstehen will, wie man mit einer Bedrohung umgeht, die überall und jederzeit eintreten kann, findet in Epiktets Dichotomie der Kontrolle einen nüchternen, aber belastbaren Rahmen.

Der ewige Sturm: Politische Gewalt in Amerika und die Frage, was wir kontrollieren können

Was ist passiert?

Die BBC veröffentlichte eine Analyse zur politischen Gewalt in den Vereinigten Staaten, die einen beunruhigenden Befund formuliert: Was früher als Ausnahme galt, hat sich zu einem strukturellen Merkmal des amerikanischen politischen Lebens entwickelt. Der Artikel beschreibt einen "vertrauten Zyklus", in dem auf Gewalt Empörung folgt, dann Debatten, dann Stillstand, und dann erneut Gewalt.

Neu ist laut der Analyse die Geschwindigkeit. Die Zyklen haben sich beschleunigt. Attentatsversuche auf Politiker, bewaffnete Übergriffe auf Amtsträger und politisch motivierte Bedrohungen häufen sich in einem Tempo, das frühere Perioden politischer Gewalt in den USA übertrifft. Die Rede ist nicht von einer einzelnen Extremgruppe oder einem ideologischen Lager, sondern von einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen, das politische Spektren übergreift.

BBC nennt keine einzelne Ursache. Genannt werden strukturelle Faktoren: politische Polarisierung, der Rückgang gemeinsamer institutioneller Normen, die Verbreitung von Fehlinformationen und die zunehmende Legitimierung von Gewalt als politischem Werkzeug in Teilen des öffentlichen Diskurses.

Konkrete Ereignisse, die die Analyse einbettet, umfassen die Attentatsversuche auf Donald Trump im Jahr 2024, Angriffe auf Kongressabgeordnete sowie eine Reihe von Bedrohungen gegen Wahlhelfer und Amtsträger auf lokaler Ebene, die in der nationalen Berichterstattung oft keine Erwähnung finden.

Die Schlussfolgerung der BBC ist keine Prognose, sondern eine Diagnose: Politische Gewalt in Amerika ist kein Ausreißer mehr. Sie ist ein permanentes Umfeld, in dem politisches Leben stattfindet. Die Metapher, die der Artikel verwendet, ist die des Sturms, der jederzeit und überall einschlagen kann.


Die philosophische Perspektive

Wer diesem Befund begegnet, spürt sofort den Sog, entweder in Panik zu verfallen oder in Ohnmacht. Beide Reaktionen sind verständlich. Beide sind philosophisch gesehen Irrtümer.

Epiktet, der als Sklave in Rom lebte und dessen gesamte Existenz von Kräften abhing, die er nicht kontrollieren konnte, hat diesen Irrtum präzise beschrieben. In seinen "Discourses" formuliert er das, was heute als Dichotomie der Kontrolle bekannt ist: "Von den Dingen sind einige in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht sind: Meinung, Streben, Begehren, Abneigung, kurz gesagt, alles, was unser eigenes Werk ist." (Epiktet, "Enchiridion", Kapitel 1)

Politische Gewalt liegt nicht in unserer Macht. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn die meisten menschlichen Reaktionen auf Bedrohung behandeln die äußere Gefahr so, als müsse sie durch innere Aufruhr gespiegelt werden. Als wäre Angst eine angemessene Antwort auf das Unkontrollierbare. Als wäre chronische Empörung eine Form des Handelns.

Epiktet widerspricht. Die Frage ist nicht, ob Gewalt existiert, sondern was wir mit unserer Einschätzung dieser Gewalt tun. Wen wir zu Feinden erklären. Wie wir auf Bedrohung reagieren. Ob wir unsere Vernunft der Angst opfern oder nicht. All das liegt in unserer Macht, und genau dort, sagt Epiktet, ist die einzige sinnvolle Arena menschlichen Handelns.

Das ist keine Aufforderung zur Passivität. Marc Aurel, der als Kaiser täglich mit Bedrohungen konfrontiert war, die weit konkreter waren als eine abstrakte Gefährlichkeit des öffentlichen Raums, schrieb sich selbst ins "Tagebuch" (Buch 6, Abschnitt 2): "Halte inne und frage dich bei jeder Handlung: Ist das notwendig?" Er meinte damit nicht militärische Planung, sondern den inneren Haushalt. Die Entscheidung, welche Gedanken man zulässt, welche Interpretationen man kultiviert.

Der BBC-Artikel beschreibt einen Zyklus: Gewalt, Empörung, Debatte, Stillstand, Gewalt. Was auffällt, ist, dass die kollektive Empörung Teil des Zyklus ist, nicht seine Unterbrechung. Sie treibt ihn mit an, weil sie Aufmerksamkeit spendet, Narrative vertieft und emotionale Erschöpfung produziert, die wiederum Extremen Raum gibt.

Seneca hat in seinen Briefen an Lucilius wiederholt auf das Phänomen der contagio hingewiesen, der Ansteckung durch die Stimmung der Menge. "Vermeide die Menge", schreibt er in Brief 7, "vermeide den kleinen Kreis, vermeide sogar den Einzelnen." Er meinte das nicht als politischen Rückzug, sondern als epistemische Hygiene. Wer sich ständig dem Informationsstrom aussetzt, der politische Gewalt als Dauerzustand inszeniert, übernimmt eine bestimmte Wahrnehmung des Möglichen, und diese Wahrnehmung formt das Handeln.

Das bedeutet nicht, Nachrichten zu ignorieren. Es bedeutet, zu unterscheiden zwischen Informiertheit und Aufgewühltheit. Zwischen dem Wissen, dass politische Gewalt ein strukturelles Problem ist, und dem Zustand permanenter emotionaler Mobilisierung, die Urteile trübt.

Der "Sturm", den BBC beschreibt, ist real. Aber wir entscheiden, ob wir in ihm unseren Kompass verlieren oder nicht. Epiktets prohairesis, die bewusste Wahl, ist kein philosophischer Luxus für ruhige Zeiten. Sie ist das einzige Werkzeug, das auch in Stürmen funktioniert.


Tagesgedanke

Was du nicht kontrollieren kannst, lässt du nicht über deine Haltung entscheiden.


Quelle: BBC World, Originalartikel