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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit7. Juni 2026

Acht Präsidenten in zehn Jahren: Was Peru über Kontrolle lehrt

Peru wählt einen neuen Präsidenten, während das Land seit einem Jahrzehnt in politischem Chaos versinkt. Die Sehnsucht der Wähler nach Stabilität wirft eine Frage auf, die weit über Lima hinausgeht: Was können wir überhaupt kontrollieren?

Acht Präsidenten in zehn Jahren: Was Peru über Kontrolle lehrt

Was ist passiert?

Peru steht vor einer der engsten Präsidentschaftswahlen der jüngeren Geschichte. Nach einem Jahrzehnt politischer Turbulenzen, in dem das Land acht verschiedene Staatsoberhäupter erlebte, suchen viele Wählerinnen und Wähler vor allem eines: Stabilität.

Die Ausgangslage ist außergewöhnlich. Seit 2016 wurde Peru von einer Abfolge von Präsidenten regiert, die entweder durch Korruptionsskandale, Amtsenthebungsverfahren oder politische Blockaden aus dem Amt schieden. Das Misstrauensverhältnis zwischen Exekutive und Legislative ist strukturell geworden. Der peruanische Kongress hat in dieser Periode mehrfach von seinem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch gemacht, Präsidenten abzusetzen, was zu einer Eskalationsspirale führte.

Gleichzeitig hat sich die Sicherheitslage verschlechtert. Organisierte Kriminalität, Drogenhandel und Alltagsgewalt belasten vor allem städtische Zentren. Wirtschaftliche Ungleichheit bleibt ein chronisches Problem: Peru ist reich an Bodenschätzen, aber arm verteilt. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt in Armut, obwohl das Land über Jahrzehnte hinweg ein der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Südamerikas war.

Die bevorstehende Wahl gilt laut BBC als extrem knapp. Umfragen zeigen kein klares Bild, und mehrere Kandidatinnen und Kandidaten liegen innerhalb der Fehlermarge. Was viele Peruanerinnen und Peruaner eint, ist weniger eine ideologische Präferenz als der Wunsch nach einem Präsidenten, der lang genug im Amt bleibt, um überhaupt regieren zu können. Erst dann, so die Hoffnung, könnte ein Fokus auf Kriminalitätsbekämpfung und soziale Gerechtigkeit möglich werden.

Peru ist kein Ausnahmefall. Politische Instabilität in Verbindung mit sozialer Ungleichheit findet sich in zahlreichen Demokratien weltweit. Die besondere Schärfe der peruanischen Situation liegt in der Frequenz des Wandels: Acht Regierungschefs in zehn Jahren bedeutet, dass keine Verwaltung lange genug im Amt war, um strukturelle Reformen durchzusetzen oder auch nur abgeschlossene Projekte vorzuweisen.

Die stoische Perspektive

Epiktet begann sein Lehrwerk "Encheiridion" mit einem Satz, der in seiner Schlichtheit fast provokant wirkt: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." Er meinte damit nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Welt, sondern eine präzise geistige Buchführung, was wir tatsächlich beeinflussen können und was nicht.

Peruanische Wählerinnen und Wähler verkörpern gerade das Gegenteil dieser Haltung, nicht aus Naivität, sondern aus verständlicher Not. Wer in einem System lebt, das chronisch dysfunktional ist, projiziert Hoffnung auf externe Retter. Der neue Präsident wird Ordnung bringen. Die neue Regierung wird Kriminalität bekämpfen. Endlich jemand, der das Land stabilisiert.

Epiktet würde diese Hoffnung nicht verurteilen, aber er würde ihre Grenzen benennen. In "Gespräche" (Discourses), Buch I, Kapitel 1, schreibt er: "Suche nicht, dass das Geschehende so geschehe, wie du es willst, sondern wünsche das Geschehende, wie es geschieht, und du wirst Frieden haben." Das ist kein Aufruf zur Passivität. Es ist eine Einladung zur Unterscheidung: Wählen gehen liegt in meiner Macht. Wer gewinnt, liegt nicht in meiner Macht. Wie ich auf das Ergebnis reagiere, liegt vollständig in meiner Macht.

Seneca formulierte dieselbe Idee in einem anderen Kontext schärfer. Im Brief 96 an Lucilius schreibt er: "Das Schicksal führt den Willigen, den Unwilligen schleift es mit." Gemeint ist: Wer sich innerlich nicht von äußeren Umständen abhängig macht, kann trotzdem handeln, wählen, sich einsetzen, aber ohne daran zu zerbrechen, wenn das Ergebnis enttäuscht.

Peru zeigt, wie schwer das ist. Die strukturelle Abhängigkeit von politischer Führung ist nicht irrational, sie ist das Wesen demokratischer Systeme. Bürgerinnen und Bürger übertragen Macht, weil sie selbst nicht Gesetze schreiben und Polizei organisieren. Die stoische Korrektur gilt also nicht dem Wahlverhalten, sondern der inneren Buchhaltung: Wie viel meines Wohlbefindens, meiner Sicherheit, meiner Zukunftshoffnung habe ich an eine Person oder ein Amt geknüpft, die ich nicht kontrolliere?

Marcus Aurelius, der selbst viele Jahre in politisch instabilen Verhältnissen regierte, schrieb in seinen "Selbstbetrachtungen" (VI, 2): "Geh in dich selbst. Der vernünftigen Seele ist es eigen, sich selbst zu genügen, wenn sie gerecht handelt und darin Ruhe findet." Er sagte das nicht als Kaiser auf dem Olymp, sondern als Mann, der im Feldzug lebte, täglich mit Staatsversagen, Verrat und Krieg konfrontiert war, und trotzdem beschloss, das Einzige zu kultivieren, was wirklich unter seiner Kontrolle lag: seine eigene Reaktion.

Für peruanische Wählerinnen und Wähler bedeutet das keine Aufforderung zum Rückzug aus der Politik. Im Gegenteil: Wer klar unterscheidet zwischen dem, was er selbst tun kann, und dem, was er einer Regierung überlassen muss, handelt klarer, wählt durchdachter und wird von Enttäuschungen weniger destabilisiert. Politisches Engagement aus innerer Stärke statt aus Verzweiflung erzeugt bessere Urteile.

Und falls der neue Präsident wieder scheitert? Dann ist Peru nicht verloren. Aber wer sein inneres Gleichgewicht ausschließlich an das Schicksal des Präsidenten geknüpft hat, verliert gleich mit.

Tagesgedanke

Wähle, engagiere dich, kämpfe für Veränderung, aber baue dein Fundament nicht auf eine Person, die du nicht kontrollierst.


Quelle: BBC World — Originalartikel bei BBC News