Skip to content
← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit28. April 2026

Luftangriffe auf Kunar: Was tun, wenn die Welt außer Kontrolle gerät

Pakistan soll Luftangriffe auf die afghanische Provinz Kunar geflogen haben, bei denen mindestens sieben Menschen starben und 75 verletzt wurden. Wenn Gewalt und Ungerechtigkeit geschehen, die wir nicht verhindern können, stellt sich die Frage: Wie handeln rationale Menschen angesichts totaler Machtlosigkeit?

Luftangriffe auf Kunar: Was tun, wenn die Welt außer Kontrolle gerät

Was ist passiert?

Pakistan soll Luftangriffe auf die afghanische Provinz Kunar im Osten des Landes durchgeführt haben. Laut Berichten, die die BBC aus mehreren Quellen erhalten hat, wurden dabei mindestens sieben Menschen getötet und 75 verletzt. Unter den betroffenen Zielen soll sich eine Universität befunden haben.

Die Provinz Kunar grenzt direkt an Pakistan und gilt seit Jahren als Brennpunkt grenzüberschreitender Spannungen. Die Taliban-Regierung, die Afghanistan seit August 2021 kontrolliert, hat Pakistan öffentlich für die Angriffe verantwortlich gemacht. Islamabad hat sich bislang nicht offiziell zu den Vorwürfen geäußert.

Der Hintergrund: Pakistan wirft der afghanischen Taliban-Regierung vor, Gruppen zu tolerieren oder zu unterstützen, die vom afghanischen Boden aus Anschläge auf pakistanisches Territorium durchführen. Gemeint ist vor allem die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), eine von der afghanischen Taliban ideologisch verwandte, aber organisatorisch getrennte Gruppe. Die TTP hat in den vergangenen Jahren die Zahl ihrer Anschläge in Pakistan deutlich erhöht. Kabul weist die Vorwürfe der Duldung zurück.

Grenzüberschreitende Luftangriffe Pakistans auf afghanisches Gebiet sind keine Premiere. In den Jahren 2022 und 2023 gab es bereits ähnliche Vorfälle in den Provinzen Kunar und Khost, die zu diplomatischen Protesten der Taliban-Regierung führten. Eine formale Kriegserklärung liegt nicht vor, die Angriffe bewegen sich in einem rechtlich und politisch ungeklärten Raum.

Zahlen und Fakten nach aktuellem Stand der BBC-Berichterstattung: mindestens 7 Tote, 75 Verletzte, Ziel unter anderem eine Bildungseinrichtung. Unabhängige Bestätigung durch internationale Beobachter vor Ort steht aus, da der Zugang zur Region für Journalisten stark eingeschränkt ist.


Die stoische Perspektive

Wer Nachrichten wie diese liest, spürt sofort einen Reflex: Empörung, Ohnmacht, vielleicht die Frage, warum man sich überhaupt damit befasst, wenn man doch nichts tun kann. Genau an dieser Stelle setzt die Stoa an.

Epiktet, der als Sklave geboren wurde und später als freigelassener Philosoph lehrte, formulierte das Kernprinzip seiner Philosophie in den ersten Sätzen des Encheiridion so: "Manches liegt in unserer Macht, manches nicht. In unserer Macht liegen Meinung, Antrieb, Begehren und Abneigung. Nicht in unserer Macht liegen Körper, Ansehen, Herrschaft und alles, was nicht unsere eigenen Handlungen sind." (Encheiridion, Kap. 1)

Auf eine Nachricht wie die aus Kunar angewendet heißt das: Die Entscheidung pakistanischer Militärführer, Luftangriffe zu befehlen, liegt nicht in meiner Macht. Das Leid der Menschen in Kunar liegt nicht in meiner Macht. Die geopolitischen Verflechtungen zwischen Kabul und Islamabad liegen nicht in meiner Macht. Was in meiner Macht liegt: wie ich diese Information aufnehme, ob ich sie zur richtigen Einschätzung nutze, und ob ich dort, wo ich tatsächlich handeln kann, auch handle.

Das klingt kalt. Es ist aber das Gegenteil von Gleichgültigkeit.

Seneca schrieb in seinem 95. Brief an Lucilius über die Idee der Sympatheia, der universellen Verbundenheit aller Menschen: "Omnes entes unum sumus." Wir alle sind ein einziges Ganzes. Die Stoa war keine Philosophie des Rückzugs, sondern eine des Engagements unter klaren Bedingungen. Man soll das Leid anderer wahrnehmen, man soll mitfühlen, man soll es moralisch einordnen. Man soll nur nicht so tun, als könnte man durch bloße Aufregung etwas verändern, das außerhalb der eigenen Reichweite liegt.

Hier liegt der eigentliche Anspruch: Wer Bilder aus Kunar sieht und denkt "Das ist falsch, das verletzt Menschen, das schadet einer Gesellschaft", der übt bereits Vernunft. Marcus Aurelius schrieb in den Selbstbetrachtungen: "Handle bei allem, was dir gegenübersteht, wie es deiner Vernunft entspricht, nicht wie es dein Affekt verlangt." (Selbstbetrachtungen, Buch 6, 2)

Affekt wäre: in die Nachricht eintauchen, sich ohnmächtig fühlen, wegklicken oder umgekehrt in hilflose Wut verfallen. Vernunft wäre: verstehen, was hier geschieht, politische Zusammenhänge einordnen, und fragen, wo im eigenen Wirkungskreis eine informierte Haltung oder Handlung möglich ist, ob als Bürger, Wähler, Leser oder Mensch, der das Gespräch mit anderen sucht.

Es gibt in der stoischen Tradition keinen Freifahrtschein für Passivität. Das Argument "es liegt nicht in meiner Kontrolle" gilt für das Ergebnis, nicht für die eigene Haltung dazu. Wer sagt "Ich kann ohnehin nichts tun", und deshalb wegschaut, hat die Dichotomie der Kontrolle missverstanden. Epiktet meinte nicht: Ignoriere, was du nicht kontrollieren kannst. Er meinte: Verliere deine innere Ruhe nicht an das, was du nicht kontrollieren kannst, und bewahre dadurch die Klarheit, die du für das brauchst, was du tatsächlich tun kannst.

Menschen sterben in Kunar. Eine Universität wurde angegriffen. Das sind Fakten, die moralisches Gewicht haben. Die Frage der Stoa ist nicht: Soll mich das berühren? Die Frage ist: Berührt es mich auf eine Weise, die mich handlungsfähig oder handlungsunfähig macht?


Tagesgedanke

Empörung ohne Handlungsfähigkeit ist nur Lärm; wer die Grenzen seiner Kontrolle kennt, schützt nicht seine Gleichgültigkeit, sondern seine Klarheit.


Quelle: BBC World, Originalartikel auf bbc.com