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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit12. Mai 2026

269 Tote, keine Antworten: Was wir tun können, wenn Gerechtigkeit schweigt

Am 16. März 2025 tötete ein pakistanischer Luftangriff auf ein Rehabilitationszentrum in Afghanistan mindestens 269 Menschen. Die Familien der Opfer fordern Aufklärung, die UN prüft Kriegsverbrechensvorwürfe. Was bleibt den Hinterbliebenen, wenn Gerechtigkeit außer Reichweite scheint?

269 Tote, keine Antworten: Was wir tun können, wenn Gerechtigkeit schweigt

Was ist passiert?

Am 16. März 2025 führte das pakistanische Militär einen Luftangriff auf das Dorf Barmal in der afghanischen Provinz Paktika durch. Das Ziel war nach pakistanischen Angaben ein Versteck militanter Islamisten der Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP). Getroffen wurde jedoch ein Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige. Nach Angaben der BBC wurden dabei mindestens 269 Afghanen getötet, überwiegend Zivilisten. Die Vereinten Nationen halten die tatsächliche Opferzahl für noch höher und haben eine unabhängige Untersuchung gefordert.

Pakistan erklärte, der Angriff habe sich gegen legitime militärische Ziele gerichtet. Die TTP nutzt seit Jahren afghanisches Gebiet als Rückzugsraum für Anschläge auf pakistanischem Territorium. Die Taliban-Regierung in Kabul verurteilte den Angriff scharf und sprach von einem Massaker an unschuldigen Zivilisten.

Menschenrechtsorganisationen und mehrere UN-Experten haben die Ereignisse des 16. März als mögliches Kriegsverbrechen eingestuft. Ausschlaggebend ist dabei die Frage, ob Pakistan vor dem Angriff ausreichend geprüft hat, ob das Gebäude tatsächlich ein militärisches Ziel darstellte. Das Völkerrecht, konkret das Unterscheidungsprinzip des humanitären Völkerrechts, verlangt genau diese Prüfung.

Die Familien der Getöteten wissen bis heute nicht, warum ihre Angehörigen sterben mussten. Viele der Opfer waren zur Behandlung in das Zentrum geschickt worden, um von einer Suchterkrankung zu genesen. Sie hatten weder Waffen noch Kampfauftrag. Ihr Aufenthalt dort war medizinisch, nicht militärisch begründet.

Journalisten der BBC und lokale Rechercheteams haben Augenzeugenberichte gesammelt, die das Bild eines friedlichen Zentrums zeichnen, das ohne Vorwarnung getroffen wurde. Pakistan hat bislang keine detaillierte Erklärung vorgelegt, die den Angriff auf Grundlage vorliegender Geheimdienstinformationen rechtfertigen würde. Der Druck auf eine internationale Untersuchung wächst.

Die stoische Perspektive

Epiktet, der als Sklave geboren wurde und später als freigelassener Philosoph lehrte, stellte am Beginn seines Encheiridion eine Unterscheidung auf, die einfach klingt und schwer zu leben ist: Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen, und Dinge, die nicht in unserer Macht stehen. "In unserer Macht sind Meinung, Antrieb, Begehren und Abneigung. Nicht in unserer Macht sind Körper, Ruf, Ämter und Besitz." (Encheiridion, 1)

Für die Familien der 269 Getöteten in Barmal liegt der Schmerz genau an dieser Grenze. Der Tod ihrer Angehörigen, der Entscheid eines Militärs in einem anderen Land, die Bombe selbst: das alles lag und liegt außerhalb ihrer Kontrolle. Was in ihrer Macht steht, ist die Forderung nach Aufklärung, das Festhalten an der Wahrheit über das, was ihr Angehöriger war, und die Entscheidung, nicht in Ohnmacht zu verstummen.

Das ist kein Trost. Die Stoa hat nie versprochen, Schmerz wegzureden. Marc Aurel schrieb in seinen Selbstbetrachtungen: "Wenn du etwas Äußeres betrübt, so ist es nicht das Ding selbst, das dich bedrückt, sondern dein Urteil darüber, und dieses Urteil steht dir frei zu streichen." (Selbstbetrachtungen, 8.47) Das klingt kühl, fast zynisch angesichts von 269 Leichen. Aber Marc Aurel meinte damit nicht, dass Unrecht gleichgültig macht. Er meinte, dass das Urteil, ob man handelt oder zerbricht, das eigene bleibt.

Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Akzeptanz und Kapitulation. Die Stoa kennt beides, und sie verwechselt sie nie. Seneca schrieb in seinem Brief an Lucilius: "Recede in te ipse", kehre in dich selbst zurück, aber ergänzte dies stets mit dem Hinweis auf die Pflicht gegenüber der Gemeinschaft. (Epistulae Morales, 7) Für einen Angehörigen in Paktika bedeutet das konkret: Er kann den Luftangriff nicht rückgängig machen. Er kann aber bezeugen, dokumentieren und fordern. Das ist kein kleines Zugeständnis an die Realität, sondern aktive Tugend, was die Stoa iustitia nennt, Gerechtigkeit als gelebte Praxis.

Das philosophische Problem in diesem Fall ist ein anderes als das juristische. Pakistan sitzt in der Falle einer klassischen Mittel-Zweck-Debatte: Wenn das Ziel die Vernichtung einer Terrorgruppe ist, die nachweislich Zivilisten tötet, rechtfertigt das dann einen Angriff auf ein Gebäude, dessen zivile Nutzung möglicherweise bekannt war? Die Stoa gibt darauf keine bequeme Antwort. Sie sagt nur: Die Vernunft muss urteilen, nicht die Angst. Wer aus Angst vor einem Feind 269 Unbeteiligte tötet, handelt nicht vernünftig. Er handelt aus einem Affekt, dem Affekt der Bedrohung.

Marc Aurel, Kaiser und Feldherr, kannte diesen Affekt persönlich. Er führte Kriege. Und er schrieb trotzdem: "Prüfe dich, ob dein Handeln der Vernunft entspricht." (Selbstbetrachtungen, 4.3) Die Vernunft, die er meinte, schließt den anderen Menschen ein. Nicht als Kollateralschaden, sondern als Teil desselben Logos, derselben universellen Vernunft.

Die Familien in Barmal fragen nach dem Warum. Das ist keine schwache Frage. Das ist die gerechteste Frage, die Menschen stellen können.

Tagesgedanke

Was außerhalb deiner Macht liegt, kannst du nicht verhindern. Was in deiner Macht liegt, ist die Weigerung, darüber zu schweigen.


Quelle: BBC World, Originalartikel bei BBC News