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Bleiben oder fliehen: Die Wahl, die keine ist
In der ukrainischen Stadt Oleshky sind Zivilisten seit Monaten von Lebensmittel- und Medikamentenversorgung abgeschnitten. Wer flieht, riskiert sein Leben auf der sogenannten Todesstraße. Wer bleibt, hungert. Was Epiktet über Freiheit unter äußerem Zwang zu sagen hat, ist hier keine Theorie.

Was ist passiert?
Die ukrainische Stadt Oleshky am Dnipro-Westufer, gegenüber von Cherson gelegen, ist seit der russischen Besatzung weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Nach Berichten der BBC, die auf Zeugenaussagen lokaler Bewohner und humanitärer Helfer basieren, erhalten die verbliebenen Einwohner seit Monaten keine regulären Lieferungen von Lebensmitteln oder Medikamenten mehr.
Die Stadt steht unter russischer Kontrolle. Wer sie verlassen will, muss eine Strecke nehmen, die Bewohner selbst als "Todesstraße" bezeichnen, eine Route, die regelmäßig unter Beschuss liegt und auf der bereits Menschen ums Leben gekommen sind. Die Alternative ist das Ausharren unter zunehmend desolaten Versorgungsbedingungen.
Wie alt die verbliebenen Bewohner sind, wie viele es noch sind und in welchem gesundheitlichen Zustand sie sich befinden, lässt sich von außen kaum verifizieren. Humanitäre Organisationen haben begrenzten Zugang. Die BBC stützt ihren Bericht auf Aussagen von Personen, die die Stadt verlassen haben, sowie auf Kommunikation mit Menschen, die noch dort leben.
Das Muster, das sich in Oleshky zeigt, ist kein Einzelfall. Entlang der ukrainischen Frontlinie gibt es mehrere solcher Städte und Ortschaften, deren Zivilbevölkerung zwischen militärischer Kontrolle und humanitärer Abschottung gefangen ist. Die Entscheidung, zu bleiben oder zu fliehen, ist in diesen Fällen selten eine freie Wahl: Alte und kranke Menschen können die Flucht physisch nicht antreten. Andere haben kein Geld, kein Transportmittel, keine Familie, zu der sie könnten. Manche weigern sich, ihr Zuhause aufzugeben, das einzige, was ihnen geblieben ist.
Die Lage in Oleshky illustriert, was Kriegsführung an Zivilbevölkerungen anrichtet, wenn humanitäre Korridore fehlen oder nicht funktionieren. Versorgungsunterbrechungen dieser Länge sind nach internationalem humanitärem Recht problematisch, doch die Durchsetzungsmechanismen greifen im aktiven Konflikt kaum.
Die stoische Perspektive
Epiktet, freigelassener Sklave und einer der schärfsten Denker der späten Stoa, beginnt sein "Encheiridion" mit einem Satz, der in seiner Radikalität bis heute provoziert: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." (Encheiridion, 1) Er zählt dann auf, was in unserer Macht steht: Meinung, Antrieb, Begehren, Abneigung. Was nicht in unserer Macht steht: Körper, Ruf, Herrschaft, äußere Güter.
Für die Menschen in Oleshky klingt dieser Satz zunächst wie Hohn. Hunger liegt in ihrem Körper. Angst vor dem Tod auf der Flucht liegt in ihrem Körper. Die Besatzung liegt außerhalb ihres Körpers und außerhalb ihrer Kontrolle. Was soll einem Menschen helfen, der weder flüchten noch bleiben kann, ohne zu riskieren?
Hier liegt jedoch das Missverständnis, das Epiktets Philosophie so oft trifft. Er behauptet nicht, dass äußeres Leid bedeutungslos ist oder dass man es wegdenken kann. Er behauptet etwas Schärferes und Schwierigeres: Dass die Haltung, mit der ein Mensch seiner Lage begegnet, nicht von der Lage selbst erzwungen wird.
Das ist keine Tröstungsformel. Marcus Aurelius, der als Kaiser nie in materieller Not lebte, beschreibt in seinen "Selbstbetrachtungen" (Buch 4, Kapitel 3) den Rückzug in die eigene Seele als eine Art innere Festung: "Nirgends zieht sich der Mensch in größere Stille und Muße zurück als in seine eigene Seele." Er schrieb das nicht für Menschen in Oleshky. Aber er meinte es für jeden.
Was die Philosophie hier leistet und was sie nicht leistet, muss klar gesagt werden. Sie liefert keine Nahrung, keine Medikamente, keinen sicheren Fluchtweg. Sie ist kein Ersatz für politisches Handeln, humanitäre Intervention oder internationale Verantwortung. Wer Epiktet zitiert, um Untätigkeit zu rechtfertigen, begeht einen philosophischen Fehler und einen moralischen dazu.
Was die Stoa jedoch benennt, ist etwas, das Berichte aus Extremsituationen immer wieder bestätigen: Dass Menschen unter unerträglichem Druck innere Ressourcen mobilisieren, die unter normalen Bedingungen verborgen bleiben. Viktor Frankl beschrieb das aus dem Konzentrationslager heraus. Berichte aus Belagerungsstädten, aus Bürgerkriegsgebieten, aus langen Geiselhaft-Situationen zeigen dasselbe Muster. Es ist kein Triumph des Willens über die Umstände, es ist die Erkenntnis, dass Würde nicht vollständig von außen genommen werden kann.
Seneca schreibt in seinem Brief an Lucilius (Epistulae Morales, Brief 77): "Omnia aliena sunt, tempus tantum nostrum est." Alles andere gehört uns nicht, nur die Zeit gehört uns. In Oleshky gehört den Menschen nicht einmal die Zeit. Und doch: Die Frage, wie sie diese Zeit verbringen, wem sie helfen, woran sie festhalten, welche kleinen Handlungen der Menschlichkeit sie unter Besatzung noch vollziehen, diese Frage bleibt offen und bleibt ihre.
Das ist nicht Optimismus. Es ist die nüchterne Beobachtung, dass der Mensch auch dort, wo ihm fast alles genommen wird, noch eine letzte Wahl trifft: die Wahl seiner Haltung gegenüber dem, was bleibt.
Die politische Konsequenz aus dieser Analyse ist nicht Resignation, sondern das Gegenteil. Wer versteht, dass innere Freiheit unter äußerem Zwang möglich, aber kostbar und zerbrechlich ist, hat einen Grund mehr, die äußeren Bedingungen zu bekämpfen, die Menschen in diese Lage zwingen.
Tagesgedanke
Was dir die Welt nimmt, bestimmt sie. Wie du darauf antwortest, bestimmst du.
Quelle: BBC World, Originalartikel
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