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← Alle NewsAnalyseZeit Online5 Min. Lesezeit6. Mai 2026

Das Ende einer Hoffnung: Was Nordkorea aus seiner Verfassung gestrichen hat

Nordkorea hat die Wiedervereinigung mit Südkorea offiziell aus seiner Verfassung gestrichen und Südkorea erstmals als Feindstaat definiert. Was wie ein bürokratischer Akt aussieht, ist ein philosophisch aufgeladener Moment: Wie geht man mit dem Verlust einer kollektiven Hoffnung um, die ohnehin nie in der eigenen Hand lag?

Das Ende einer Hoffnung: Was Nordkorea aus seiner Verfassung gestrichen hat

Was ist passiert?

Nordkorea hat in einer Verfassungsänderung alle Bezüge zur Wiedervereinigung mit Südkorea gestrichen. Damit entfernte das Regime unter Kim Jong-un ein Ziel, das seit der Staatsgründung 1948 offizieller Bestandteil der nordkoreanischen Staatsideologie war. Gleichzeitig definiert sich Nordkorea in der neuen Verfassung erstmals geografisch als eigenständige, abgegrenzte Nation, und Südkorea wird darin als feindlicher Staat bezeichnet.

Die Verfassungsänderung wurde von der Obersten Volksversammlung, dem nordkoreanischen Parlament, verabschiedet. Kim Jong-un hatte die neue Ausrichtung bereits Ende 2023 in einer Rede angekündigt, in der er Südkorea als „dauerhaft feindlichen Staat" bezeichnete und die bisherige Politik der angestrebten Vereinigung als gescheitert erklärte. Die nun vollzogene Verfassungsänderung ist die formale Umsetzung dieser Ankündigung.

Für Jahrzehnte hatten beide koreanischen Staaten die Wiedervereinigung zumindest offiziell als langfristiges Ziel formuliert. In Südkorea existiert dafür sogar ein eigenes Ministerium. In Nordkorea war das Ziel unter dem Begriff „Juche" und dem Konzept der nationalen Einheit unter nordkoreanischer Führung eingebettet. Mit dem Verfassungstext ist diese Position nun endgültig aufgegeben.

Konkrete außenpolitische Schritte begleiteten die ideologische Wende: Nordkorea sprengte 2024 Verbindungsstraßen an der innerkoreanischen Grenze, baute Schutzmauern entlang des 38. Breitengrads und zog Botschaftspersonal aus diplomatischen Kanälen zurück, die noch auf gemeinsamen Institutionen aus Annäherungsperioden früherer Jahrzehnte beruhten.

Der Schritt hat regionale und internationale Bedeutung. Südkoreas Regierung bezeichnete die Verfassungsänderung als „ernsten Rückschlag" für den Frieden auf der Halbinsel. Die USA und Japan äußerten Bedenken hinsichtlich einer weiteren Destabilisierung der Region. China, Nordkoreas wichtigster Verbündeter, kommentierte die Entwicklung öffentlich nicht.

Beobachter werten die Verfassungsänderung als Konsolidierung einer Entwicklung, die sich über mehrere Jahre abgezeichnet hatte. Nordkorea hatte unter Kim Jong-un zunehmend auf militärische Stärke und Abschrenzung gesetzt, statt auf Dialogangebote. Die Aufnahme Russlands als engeren Partner nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs verstärkte diese Richtung.


Die stoische Perspektive

Epiktet, der im ersten Jahrhundert als Sklave in Rom lebte und später als freier Philosoph lehrte, unterschied konsequent zwischen zwei Kategorien menschlicher Erfahrung: was in unserer Macht liegt (eph' hēmin) und was nicht (ouk eph' hēmin). In den „Dissertationes", aufgezeichnet von seinem Schüler Arrian, formulierte er es so: „Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht. In unserer Macht sind Meinung, Streben, Begehren, Meiden." (Encheiridion, Kap. 1)

Nordkoreas Verfassungsänderung ist ein Fall, der diese Unterscheidung mit besonderer Schärfe illustriert, und zwar nicht für die Politiker in Pjöngjang oder Seoul, sondern für die Millionen Koreaner auf beiden Seiten der Grenze, die Familienangehörige auf der anderen Seite haben, die seit Jahrzehnten auf eine Möglichkeit des Wiedersehens warten.

Die Hoffnung auf Wiedervereinigung war für viele dieser Menschen kein politisches Projekt, sondern ein persönliches. Und genau diese Hoffnung wurde nun durch einen Verfassungstext offiziell für beendet erklärt. Was tut man mit einer Hoffnung, deren Erfüllung nie in der eigenen Hand lag?

Marcus Aurelius schrieb in den „Selbstbetrachtungen": „Verliere keine Zeit damit, darüber nachzudenken, was ein guter Mensch sein sollte. Sei einer." (Buch X, 16) Der Gedanke zielt auf etwas Präzises: Der Rückzug ins Innere ist kein Rückzug aus der Welt, sondern eine Priorisierung dessen, was wirklich zugänglich ist. Politische Konstellationen, Verfassungstexte, die Entscheidungen von Machthabern: all das liegt außerhalb des Bereichs, den ein Einzelner kontrollieren kann.

Aber hier lohnt es sich, die Stoa nicht vorschnell als Trost zu instrumentalisieren. Denn es gibt eine berechtigte Kritik: Wirkt die Dichotomie der Kontrolle nicht zynisch, wenn sie Menschen auffordert, den Verlust politischer Hoffnungen zu „akzeptieren"? Wird aus Philosophie dann Resignation?

Seneca hat sich dieser Spannung gestellt. In einem seiner Briefe an Lucilius schreibt er: „Ertrage, was du nicht ändern kannst, und beklage es nicht." (Epistulae morales, Brief 107) Der entscheidende Punkt ist das „und beklage es nicht", nicht das Schweigen über Unrecht. Seneca unterschied zwischen dem Affekt der Klage, der Energie kostet ohne etwas zu verändern, und dem Urteil, dass etwas falsch ist. Beides schließt sich nicht aus.

Auf die koreanische Situation übertragen bedeutet das: Die Stoa würde nicht sagen, dass die Teilung akzeptabel ist. Sie würde sagen, dass der psychologische Zustand des dauerhaften Wartens auf eine Veränderung, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegt, den Wartenden zerstört, ohne die Situation zu verbessern. Wer sein inneres Leben an ein politisches Ergebnis koppelt, das von Kim Jong-un abhängt, hat seine Freiheit an den schlechtmöglichsten Ort delegiert.

Was in der Macht der Betroffenen liegt: wie sie mit dem erlebten Verlust umgehen, ob sie Erinnerungen pflegen, ob sie sich politisch engagieren innerhalb des Möglichen, ob sie die eigene Würde behalten, auch wenn der Staat die Hoffnung streicht.

Verfassungstexte definieren Staatsidentitäten. Sie definieren nicht, wer jemand ist oder was jemand für die Menschen jenseits einer Grenze empfindet.


Tagesgedanke

Hoffnungen, die von den Entscheidungen anderer abhängen, sind keine Hoffnungen mehr, sondern Geiseln.


Quelle: Zeit Online, Originalartikel