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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit29. Mai 2026

Netanyahu und Gaza: Wer glaubt, mehr Gebiet zu kontrollieren, kontrolliert sich selbst weniger

Israel weitet laut Premierminister Netanyahu seine militärische Kontrolle über Gaza auf 70 Prozent aus – und bricht damit nach BBC-Angaben die Bedingungen eines im Oktober 2025 vereinbarten Waffenstillstands. Was bedeutet es, wenn ein Staatsmann mehr territoriale Macht beansprucht, als ein Vertrag erlaubt? Epiktet hätte eine unbequeme Antwort.

Netanyahu und Gaza: Wer glaubt, mehr Gebiet zu kontrollieren, kontrolliert sich selbst weniger

Was ist passiert?

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat nach Angaben der BBC angewiesen, die militärische Kontrolle der israelischen Streitkräfte (IDF) über das Gebiet des Gazastreifens auf 70 Prozent auszuweiten. Diese Anweisung steht nach Darstellung der BBC im Widerspruch zu den Bedingungen eines Waffenstillstandsabkommens, das Israel und die Hamas im Oktober 2025 vereinbart hatten.

Zum Zeitpunkt der Berichterstattung lagen keine vollständigen Vertragstexte des genannten Abkommens öffentlich vor. Die BBC zitierte einzelne Klauseln, ohne eine vollständige Vertragsdokumentation zu veröffentlichen. Konkrete Formulierungen, die eine Begrenzung israelischer Kontrollzonen vorschreiben, wurden nicht im Wortlaut wiedergegeben. Das ist eine relevante Einschränkung: Der Bruch eines Abkommens kann journalistisch nur so präzise beurteilt werden, wie das Abkommen selbst dokumentiert ist.

Was sich sagen lässt: Netanyahu hat eine Ausweitung militärischer Präsenz angeordnet. Die BBC bewertet dies als Widerspruch zu vereinbarten Waffenstillstandsbedingungen. Hamas und die internationale Reaktion auf diese Ankündigung wurden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht vollständig dokumentiert.

Der Gazastreifen ist seit dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 Schauplatz eines andauernden Konflikts, bei dem nach UN-Angaben Zehntausende Zivilisten ums Leben kamen. Jede Ausweitung militärischer Kontrolle in diesem Kontext hat unmittelbare humanitäre Konsequenzen.


Die stoische Perspektive

Epiktet beginnt sein Enchiridion mit einem einzigen Satz, der alles enthält: „Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." (Enchiridion, Kap. 1) Das ist keine Einladung zur Passivität. Es ist eine Aufforderung zur Präzision: Erkenne zuerst, worüber du tatsächlich Herrschaft ausüben kannst, bevor du handelst.

Netanyahu beansprucht 70 Prozent eines Territoriums. Territorium ist per Definition ein äußeres Ding: Es kann besetzt, verloren, verhandelt, zerstört werden. Es unterliegt Gezeiten der Geschichte, dem Willen anderer Akteure, dem Zufall des Krieges. Die Frage, die Epiktet stellen würde, lautet nicht „Wie bekommst du mehr Kontrolle über Gaza?", sondern: „Was glaubst du eigentlich zu besitzen, wenn du ein Gebiet besetzt?"

Marcus Aurelius, der als Kaiser des römischen Weltreichs täglich mit der Illusion der Allmacht konfrontiert war, schrieb in seinen Selbstbetrachtungen: „Begrenze dich auf das Gegenwärtige." (Selbstbetrachtungen, Buch VI, 2) Das klingt banal, bis man erkennt, was er damit meinte: Die Vergangenheit ist unveränderlich, die Zukunft ungewiss, und wer sein Handeln auf die Kontrolle beider ausrichtet, verliert den Griff auf das Einzige, was wirklich in seiner Macht liegt: die Qualität seiner gegenwärtigen Entscheidung.

Hier liegt das philosophisch ernste Problem an Netanyahus Anweisung, das über tagespolitischen Streit hinausgeht. Ein Waffenstillstand ist eine vertragliche Verpflichtung, und eine Verpflichtung ist kein äußeres Ding. Sie ist Ausdruck des Charakters desjenigen, der sie eingeht. Seneca schrieb in seinen Briefen an Lucilius: „Nusquam est qui ubique est." (Brief II, 2), was wörtlich heißt: Wer überall ist, ist nirgendwo. Er meinte es als Warnung vor der Zerstreuung der Seele durch äußere Jagd. Auf einen Staatsmann übertragen: Wer jeden Quadratkilometer beanspruchen will, verliert den Kern, der sein Handeln erst legitimiert: das Wort, das er gegeben hat.

Die stoische Unterscheidung zwischen militärischer Notwendigkeit, vertraglicher Pflicht und charakterlicher Integrität ist hier wichtig, und sie wird im politischen Diskurs meist vermischt. Man kann argumentieren, dass eine militärische Ausweitung strategisch notwendig ist. Man kann gleichzeitig anerkennen, dass diese Ausweitung einen Vertragsbruch darstellt. Und man kann fragen, was ein Vertragsbruch über den Charakter desjenigen aussagt, der ihn begeht. Diese drei Ebenen sind verschieden, und Epiktet würde darauf bestehen, sie auseinanderzuhalten.

Das Problematische an Hybris, dem Greifen nach mehr als einem zusteht oder was vereinbart wurde, liegt für die Stoa nicht primär in den strategischen Folgen. Es liegt darin, dass der Handelnde sich selbst über die Vernunft stellt, die jeden Vertrag erst möglich macht. Wer einen Waffenstillstand unterzeichnet und ihn dann einseitig bricht, unterhöhlt nicht nur eine diplomatische Vereinbarung. Er demonstriert, dass seine eigene Zusage keinen inneren Halt hat, sondern nur so lange gilt, wie sie ihm nützt.

Epiktet, selbst Sklave und später freigelassener Philosoph in Rom, kannte die Machtlosigkeit aus eigener Erfahrung. Er lehrte dennoch, dass die einzige unverlierbare Freiheit die der inneren Haltung sei. Für einen Staatschef gilt das umgekehrt: Die einzige Kontrolle, die er wirklich verlieren kann, ist nicht die über ein Territorium, sondern die über seinen eigenen Charakter.


Tagesgedanke

Wer seinen Machtanspruch ausweitet, ohne seinen Charakter zu prüfen, hat nicht mehr Kontrolle gewonnen, sondern weniger.


Quelle: BBC World — Originalartikel bei der BBC