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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit4. Mai 2026

Gefangen, aber nicht gebrochen: Narges Mohammadi und die Grenzen der Macht

Die iranische Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi kämpft im Gefängnis um ihr Leben. Ihr Fall stellt eine der ältesten philosophischen Fragen neu: Kann äußere Unterdrückung die innere Freiheit eines Menschen wirklich zerstören?

Gefangen, aber nicht gebrochen: Narges Mohammadi und die Grenzen der Macht

Was ist passiert?

Narges Mohammadi, iranische Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2023, befindet sich in ernstem gesundheitlichem Zustand. Ihre Familie berichtete gegenüber der BBC, dass die 54-Jährige nach einer raschen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands aus dem Evin-Gefängnis in Teheran in ein Krankenhaus einer nahegelegenen Stadt verlegt wurde. Ihr Bruder äußerte öffentlich die Befürchtung, dass sie sterben könnte.

Mohammadi ist eine der bekanntesten politischen Gefangenen des Irans. Sie wurde mehrfach inhaftiert, zuletzt wegen ihrer anhaltenden Aktivitäten gegen das Kopftuchgesetz und die Todesstrafe sowie für die Rechte von Frauen und politischen Gefangenen. Das Nobelkomitee in Oslo zeichnete sie im Oktober 2023 für diesen Einsatz aus. Den Preis konnte sie nicht persönlich entgegennehmen. Ihre Kinder, die im Exil in Frankreich leben, nahmen ihn stellvertretend in Empfang.

Über die genauen Umstände ihrer gesundheitlichen Verschlechterung liegen bislang keine gesicherten Details vor. Iranische Behörden haben sich nach aktuellem Stand nicht öffentlich geäußert. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International haben wiederholt auf die medizinische Vernachlässigung politischer Gefangener im Evin-Gefängnis hingewiesen. Mohammadis Familie hat nach eigenen Angaben eingeschränkten Zugang zu ihr.

Die Nachricht hat international Reaktionen ausgelöst. Menschenrechtsgruppen, westliche Regierungen und Journalistenverbände fordern die sofortige Freilassung Mohammadis aus humanitären Gründen. Ihr Fall steht exemplarisch für ein systematisches Muster: Aktivistinnen und Aktivisten im Iran werden nicht nur durch Haftstrafen zum Schweigen gebracht, sondern durch Haftbedingungen, die ihre physische Gesundheit langfristig untergraben.

Mohammadi hat trotz Inhaftierung weiter kommuniziert. Schriften, die sie aus dem Gefängnis schmuggeln ließ, wurden veröffentlicht. Sie selbst beschrieb in diesen Texten die psychische Folter, die Isolation und die systematische Demütigung, der sie und andere Gefangene ausgesetzt sind.


Die stoische Perspektive

Epiktet wurde als Sklave geboren. Er hatte keine Freiheit im rechtlichen Sinne, keinen Besitz, keine Kontrolle über seinen Körper. Sein Herr, Epaphroditos, soll ihm einmal das Bein verdreht haben, um seine Macht zu demonstrieren. Epiktet soll ruhig gesagt haben: "Du wirst es brechen." Als das Bein brach, fügte er hinzu: "Habe ich es dir nicht gesagt?"

Diese Geschichte, überliefert bei Celsus und in den Berichten über Epiktets Leben, ist keine Heldenlegende. Sie beschreibt eine philosophische Position mit physischen Konsequenzen: Der Körper gehört zur Kategorie der Dinge, die nicht in unserer Macht stehen. Was in unserer Macht steht, ist die Haltung gegenüber dem, was mit dem Körper geschieht.

Epiktet formulierte diese Unterscheidung in seinem Handbüchlein zur Seelenruhe, dem Encheiridion, im ersten Satz des ersten Kapitels: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht. In unserer Macht sind: Meinung, Trieb, Begehren, Abneigung." Was nicht in unserer Macht steht, beginnt mit dem Körper.

Narges Mohammadi sitzt in einem Gefängnis, dessen Bedingungen ihre Gesundheit zerstören. Ihr Körper, ihre Bewegungsfreiheit, ihr Zugang zu medizinischer Versorgung liegen vollständig in fremden Händen. Das ist das Maximum äußerer Kontrolle, das ein Staat über einen Menschen ausüben kann. Und genau hier liegt die philosophische Frage, die ihr Fall aufwirft: Reicht dieser äußere Zugriff bis zur inneren Freiheit?

Die Antwort der Stoa ist eindeutig nein, aber sie kommt nicht billig. Sie verlangt eine radikale Umformulierung dessen, was Freiheit überhaupt bedeutet. Freiheit ist für Epiktet nicht die Abwesenheit von Mauern, sondern die Abwesenheit innerer Knechtschaft. Wer aus Angst vor Schmerz seine Überzeugungen aufgibt, ist unfrei, auch wenn er zu Hause sitzt. Wer an seinen Überzeugungen festhält, obwohl er leidet, hat die einzige Freiheit, die niemand nehmen kann.

Mohammadis Texte aus dem Gefängnis zeigen genau dieses Muster. Sie hat nicht geschwiegen, sie hat nicht kapituliert, sie hat nicht widerrufen. Das ist keine romantische Heldenerzählung, sondern ein Dokument menschlicher Willensfreiheit unter extremem Druck.

Seneca, der selbst am Hof von Nero lebte und wusste, wie schnell der Kaiser sein Leben beenden konnte, schrieb in seinen Briefen an Lucilius: "Omnia, Lucili, aliena sunt, tempus tantum nostrum est." Alles, Lucilius, gehört anderen. Nur die Zeit gehört uns. (Epistulae morales, Brief 1)

Das klingt fatalistisch. Gemeint ist das Gegenteil. Wer versteht, was ihm wirklich nicht genommen werden kann, hat aufgehört, sich um das zu sorgen, was jederzeit genommen werden kann. Der Körper kann erkranken. Das Urteil, das Gewissen, die Entscheidung, wofür man steht, kann nur von innen aufgegeben werden.

Die stoische Perspektive bietet keine Antwort auf die politische Frage, wie Mohammadi befreit werden kann. Sie bietet keine Tröstung über das Leid, das ihr zugefügt wird. Seneca war nicht naiv: Schmerz ist Schmerz, er behauptete nie, er sei gleichgültig. Er unterschied zwischen dem Schmerz, den der Körper empfindet, und dem Urteil, das man über diesen Schmerz fällt.

Was Mohammadis Fall der Philosophie hinzufügt, ist ein lebendiger Beleg dafür, dass diese Unterscheidung nicht nur Theorie ist. Sie wird gelebt, unter Bedingungen, die kein antiker Philosoph je in einem Buch beschreiben musste, weil sie jeden Buchgelehrten zum Schweigen gebracht hätten.


Tagesgedanke

Was dir genommen werden kann, hat dir nie gehört. Was dir wirklich gehört, können Mauern nicht fassen.


Quelle: BBC World — Originalartikel auf bbc.com