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← Alle NewsAnalyseZeit Online5 Min. Lesezeit25. Mai 2026

Myanmars Militär greift an: Wenn Macht um jeden Preis gesucht wird

Myanmars Militärjunta hat eine neue Offensive an den Grenzen zu China, Indien und Thailand gestartet, um Handelswege und Rohstoffgebiete zurückzuerobern. Die Situation ist ein drastisches Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Regierung externe Güter über alles andere stellt – und welchen Preis diese Besessenheit kostet.

Myanmars Militär greift an: Wenn Macht um jeden Preis gesucht wird

Was ist passiert?

Myanmars Militärregierung, die Tatmadaw, hat eine koordinierte Offensive in mehreren Grenzregionen des Landes gestartet. Betroffen sind Gebiete an den Grenzen zu China, Indien und Thailand. Laut Berichten von Zeit Online kämpft das Militär dabei um die Kontrolle über strategisch wichtige Handelswege sowie über rohstoffreiche Territorien.

Seit dem Putsch im Februar 2021 hat die Junta unter General Min Aung Hlaing zunehmend die Kontrolle über weite Landesteile verloren. Verschiedene ethnische Widerstandsorganisationen und die Peoples Defence Force, der bewaffnete Arm der demokratischen Gegenregierung, haben dem Militär erhebliche Gebiete abgenommen. Besonders der sogenannte "Operation 1027" genannte Angriff einer Koalition aus Widerstandsgruppen im Herbst 2023 hat der Junta empfindliche Verluste an der chinesischen Grenze zugefügt.

Die aktuellen Offensiven richten sich gegen Regionen, die für den Fortbestand der Militärherrschaft wirtschaftlich entscheidend sind. Grenzübergänge zu China sind Schlüsselpunkte für den Jade- und Edelsteinhandel sowie für illegale Wirtschaftszonen, die von der Junta oder mit ihrer Duldung betrieben werden. An der Grenze zu Thailand verlaufen wichtige Handelskorridore, über die sowohl legale Waren als auch Schmuggel abgewickelt werden. Die Region an der Grenze zu Indien, vor allem der Bundesstaat Chin und das Sagaing-Gebiet, ist militärisch umkämpft, seit der Widerstand dort erheblich erstarkt ist.

Das Militär setzt dabei auf Luftangriffe, Artillerie und Bodentruppen. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit Beginn des Bürgerkriegs systematische Angriffe auf Zivilbevölkerungen in umkämpften Gebieten. Wie viele Menschen durch die aktuelle Offensive vertrieben oder getötet wurden, ist zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht abschließend bekannt.

Der Kontext ist ein Land im Dauerkrise: über zwei Millionen Binnenvertriebene laut UN-Angaben, eine kollabierte Wirtschaft, und eine internationale Gemeinschaft, die Myanmar weitgehend sich selbst überlassen hat.

Die stoische Perspektive

Epiktet, Sklave und später freigelassener Philosoph, hat die menschliche Neigung, Dinge kontrollieren zu wollen, die sich der Kontrolle entziehen, als die Wurzel fast allen menschlichen Leidens beschrieben. In seinem "Encheiridion", dem Handbüchlein, schreibt er im ersten Kapitel: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht. In unserer Macht sind: Urteil, Antrieb, Begehren, Ablehnung. Nicht in unserer Macht sind: Körper, Ruf, Amt, Besitz."

Handelswege, Rohstoffgebiete, Grenzzonen: All das liegt auf Epiktets zweiter Liste.

Das Militär Myanmars verfolgt eine Strategie, die philosophisch gesehen auf einem Kategorienfehler beruht. Es behandelt externe Güter, also Territorium, Ressourcen, wirtschaftliche Kontrolle, als wären sie die Grundlage von Sicherheit und Stabilität. Dabei zeigt die Geschichte der Junta seit 2021 genau das Gegenteil: Je aggressiver das Militär versucht, diese Güter zu sichern, desto instabiler wird seine Herrschaft. Widerstand wächst, internationale Isolation vertieft sich, und das Land zerfällt.

Marcus Aurelius hat dieses Muster in seinen "Selbstbetrachtungen" beschrieben, ohne je ein Schlachtfeld in Südostasien gesehen zu haben. In Buch IV, Abschnitt 3 schreibt er: "Suche keine Ruhe in der äußeren Welt. Statt dessen schaffe sie in dir selbst." Das ist kein Aufruf zur Passivität. Aurelius war selbst Kaiser und Feldherr, er führte Kriege an der Donaugrenze. Aber er unterschied zwischen dem, was militärische Notwendigkeit rechtfertigt, und dem, was aus unkontrolliertem Begehren entsteht.

Was die Tatmadaw betreibt, ist strukturell das, was die Stoiker pleonexia nennen: das gierige Greifen nach mehr, als einem zusteht, getrieben von der Überzeugung, dass Sicherheit durch Besitz entsteht. Seneca hat in seinem Brief 119 an Lucilius geschrieben: "Wer wenig braucht, dem kann wenig fehlen. Wer nach allem greift, riskiert alles zu verlieren." Die Junta verliert gerade Stück für Stück das, was sie am stärksten festzuhalten versucht.

Für den Einzelnen, der diese Nachrichten liest, stellt sich eine andere Frage. Nicht wie man die Tatmadaw stoisch bewertet, sondern was man selbst tut, wenn man mit Verhältnissen konfrontiert ist, die sich der eigenen Kontrolle vollständig entziehen. Ein Bürgerkrieg in Myanmar, Millionen Vertriebene, Gewalt an Grenzen: Das liegt nicht in unserer Macht.

Was in unserer Macht liegt, ist die Reaktion. Epiktet sah in der Unterscheidung zwischen dem Kontrollierbaren und dem Unkontrollierbaren keine passive Resignation, sondern eine Befreiung der Energie. Wer aufhört, sich an dem abzureiben, was nicht zu ändern ist, hat mehr Kraft für das, was tatsächlich in seinen Händen liegt. Das kann politisches Engagement sein, Aufmerksamkeit für Hilfsorganisationen, oder schlicht die Weigerung, durch Gleichgültigkeit zum Vergessen beizutragen.

Seneca schreibt in "De tranquillitate animi", Abschnitt 4: "Der Weise beteiligt sich am öffentlichen Leben, wenn nicht alles, dann wenigstens etwas, das er leisten kann." Die Welt jenseits unserer Kontrolle verschwindet nicht, wenn wir stoisch werden. Aber was wir in sie einbringen, bleibt unsere Wahl.

Tagesgedanke

Was du nicht besitzen kannst, zerstört dich, wenn du es trotzdem versuchst zu halten.


Quelle: Zeit Online — Originalartikel