Skip to content
← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit4. Juni 2026

Mogadischu brennt: Was bleibt, wenn Institutionen versagen

In Somalias Hauptstadt brachen nach der eigenmächtigen Verlängerung der Amtszeit von Präsident Farmajo schwere Gefechte aus. Die Krise zeigt, was passiert, wenn politische Ordnung zusammenbricht — und stellt eine alte Frage neu: Was liegt überhaupt in unserer Macht?

Mogadischu brennt: Was bleibt, wenn Institutionen versagen

Was ist passiert?

In der somalischen Hauptstadt Mogadischu sind schwere Gefechte ausgebrochen. Auslöser war ein politischer Streit über die Verlängerung der Amtszeit von Präsident Mohamed Abdullahi Mohamed, bekannt als Farmajo, um ein weiteres Jahr.

Das somalische Parlament hatte Ende April 2021 beschlossen, Farmajos Mandat um zwölf Monate zu verlängern, nachdem keine Einigung über einen neuen Wahltermin erzielt werden konnte. Das ursprüngliche Mandat war bereits im Februar 2021 offiziell ausgelaufen. Die Opposition bezeichnete die parlamentarische Verlängerung als illegal und rief die Bevölkerung zu Protesten auf.

In Mogadischu lieferten sich daraufhin rivalisierende Militäreinheiten Schusswechsel. Augenzeugen berichteten gegenüber der BBC von schwerem Waffenfeuer in mehreren Stadtteilen. Einige Sicherheitskräfte, die eigentlich der Regierung unterstehen, schlossen sich nach Medienberichten der Opposition an. Die Lage in der Stadt war instabil, Bewohner suchten Schutz in ihren Häusern.

Somalia hat seit dem Zusammenbruch der Zentralregierung 1991 keine stabile staatliche Struktur mehr aufgebaut. Regelmäßig direkte Wahlen haben bisher nicht stattgefunden. Stattdessen wählen Clanälteste Delegierte, die wiederum das Parlament bestimmen, das den Präsidenten kürt. Dieses indirekte System ist chronisch anfällig für Manipulation und Machtkämpfe. Hinzu kommt die anhaltende Bedrohung durch die islamistische Terrorgruppe al-Shabaab, die weite Teile des Landes kontrolliert.

Die internationale Gemeinschaft reagierte mit Besorgnis. Die Afrikanische Union, die Vereinten Nationen und westliche Regierungen forderten alle Seiten zur Zurückhaltung auf und appellierten an eine Verhandlungslösung. Die USA suspendierten vorübergehend gemeinsame Militäroperationen mit somalischen Regierungskräften.

Farmajo erklärte wenige Tage nach den Gefechten, er nehme die parlamentarische Verlängerung zurück und rufe zu Neuwahlen auf. Ob dieser Schritt die Lage dauerhaft deeskalieren würde, blieb zum Zeitpunkt der Berichterstattung unklar.

Die stoische Perspektive

Epiktet beginnt sein Enchiridion mit einem Satz, der wie eine Bedienungsanleitung für Krisen aller Art wirkt: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." (Enchiridion, Kapitel 1). Was in Mogadischu geschah, lässt sich als brutale Illustration dieser Unterscheidung lesen.

Die Menschen in der Stadt hatten keinen Einfluss darauf, ob ihr Präsident sein Mandat verlängert. Sie hatten keinen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten des Parlaments, auf die Entscheidung rivalisierende Milizen, auf die Reaktion der internationalen Gemeinschaft. All das liegt außerhalb der prohairesis, der bewussten inneren Haltung, die Epiktet als den einzigen wirklich freien Bereich des Menschen versteht.

Was aber in ihrer Macht liegt: die eigene Reaktion. Die Entscheidung, Schutz zu suchen oder sich zu exponieren. Die Entscheidung, Gerüchte weiterzuverbreiten oder zu schweigen. Die Entscheidung, Wut in Gewalt zu übersetzen oder nicht.

Hier liegt allerdings ein Punkt, an dem die Stoa nicht einfach als Beruhigungsmittel missbraucht werden darf. Epiktet war selbst Sklave. Er kannte Ungerechtigkeit nicht als Konzept, sondern als gelebte Realität. Und er lehrte nicht passives Erdulden, sondern präzises Handeln innerhalb des eigenen Einflussbereichs. Für einen Bürger Mogadischus bedeutet das nicht, Farmajos Machtausdehnung zu akzeptieren. Es bedeutet, zu unterscheiden: Was kann ich konkret tun? Was verausgabt mich nur?

Marcus Aurelius, der als Kaiser selbst täglich mit dysfunktionalen Institutionen, korrupten Beamten und Krieg konfrontiert war, schrieb in seinen Selbstbetrachtungen: "Wenn du wegen äußerer Dinge leidest, so quält dich nicht das Ding, sondern dein Urteil darüber, und dieses Urteil liegt in deiner Macht." (Selbstbetrachtungen, VIII.47). Das ist keine Aufforderung zur politischen Gleichgültigkeit. Aurelius selbst regierte, kämpfte, entschied. Aber er unterschied zwischen dem Engagement für das Gemeinwohl, das er als Pflicht ansah, und dem emotionalen Kontrollverlust, der das Handeln trübt.

Somalia steht exemplarisch für ein Problem, das weit über seine Grenzen hinausreicht: Was passiert mit Menschen, wenn der Gesellschaftsvertrag dauerhaft gebrochen ist? Wenn Institutionen nicht schützen, sondern bedrohen? Die Stoa gibt darauf keine politische Antwort. Sie gibt eine anthropologische: Der Mensch trägt eine innere Ordnung in sich, die keine äußere Institution zerstören kann, solange er nicht zulässt, dass sie zerstört wird.

Seneca formulierte es in einem seiner Briefe an Lucilius mit einer Klarheit, die keine Weichzeichnung verträgt: "Nusquam est qui ubique est", nirgends ist, wer überall ist (Epistulae Morales, II.2). Wer seine Aufmerksamkeit auf alles Unkontrollierbare verteilt, der verliert sich selbst. Wer in Chaos lebt und trotzdem einen festen Punkt in sich behält, der ist freier als jeder, der nur deshalb ruhig ist, weil er nie herausgefordert wurde.

Das ändert nichts an der Notwendigkeit politischer Lösungen in Somalia. Aber es benennt, was jenseits der Politik existiert: die Fähigkeit eines Menschen, selbst unter dem Beschuss fremder Entscheidungen der Autor seiner eigenen Haltung zu bleiben.

Tagesgedanke

Wer entscheidet, wie du auf das reagierst, was du nicht kontrollieren kannst, der kontrolliert dich vollständig.


Quelle: BBC World — Originalartikel bei BBC News