Skip to content
← Alle NewsAnalyseSpiegel Politik5 Min. Lesezeit30. April 2026

Was du kontrollieren kannst, wenn du den Mächtigen kritisierst

Friedrich Merz kritisierte den US-geführten Angriff auf den Iran und löste damit einen diplomatischen Streit mit Washington aus. Wer entscheidet, wann Prinzipientreue endet und politische Vernunft beginnt? Epiktet hat dazu eine unbequeme Antwort.

Was du kontrollieren kannst, wenn du den Mächtigen kritisierst

Was ist passiert?

Friedrich Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, besuchte Ende Juni 2025 eine Schule und äußerte sich dort öffentlich kritisch zum US-amerikanischen Militärangriff auf den Iran. Die Aussagen machten international Schlagzeilen. US-Präsident Donald Trump reagierte nach Medienberichten mit scharfer Verärgerung auf die Kritik des deutschen Regierungschefs.

Der Kontext: Die USA hatten in den Wochen zuvor gemeinsam mit Israel militärische Operationen gegen iranische Atomanlagen durchgeführt. Der Angriff ist in Europa umstritten. Mehrere Regierungschefs hatten sich besorgt gezeigt, viele jedoch diplomatisch zurückgehalten. Merz wählte einen anderen Weg und sprach sich klar gegen das Vorgehen aus, ohne dabei den Rahmen einer Schulveranstaltung als schützende Kulisse zu nutzen, sondern offenbar bewusst Klartext zu reden.

Der Spiegel berichtet, dass die Aussagen von Merz nun den sogenannten "guten Draht" nach Washington gefährden. Merz hatte seit seinem Amtsantritt auf eine konstruktive Beziehung zu Trump gesetzt und mehrfach Gespräche in Washington geführt. Ob dieser Kanal jetzt beschädigt ist, bleibt nach aktuellem Stand unklar. Trump hatte sich über Merz' Kommentare öffentlich beschwert, Details zu einer möglichen Verkühl­ung der Beziehungen wurden zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht bestätigt.

Was feststeht: Ein europäischer Regierungschef hat dem mächtigsten Staatsoberhaupt der Welt öffentlich widersprochen, und dieser hat darauf mit Verärgerung reagiert. Die außen­politischen Konsequenzen sind offen.


Die stoische Perspektive

Epiktet, der aus der Sklaverei zur Philosophie fand, formulierte den Kern seiner Lehre in einem einzigen Satz, der seitdem nicht an Schärfe verloren hat: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." (Encheiridion, 1)

Mit "in unserer Macht" meinte er nicht Karriere, Reputation oder diplomatische Beziehungen. Er meinte ausschließlich: Urteil, Antrieb, Begehren, Abneigung. Was ein Mensch sagt, wenn er die Wahrheit kennt und schweigen könnte, gehört dazu. Was Trump darüber denkt, gehört nicht dazu.

Genau das ist die philosophische Achse des Merz-Trump-Konflikts.

Merz hatte eine Wahl: schweigen und den guten Draht schützen, oder sprechen und riskieren, dass dieser Draht reißt. Er sprach. Ob das der richtige Zeitpunkt war, ob der Rahmen einer Schulveranstaltung die geeignete Bühne ist, ob die Worte diplomatisch klug gewählt wurden, darüber lässt sich streiten. Was sich nicht wegdiskutieren lässt: Die Entscheidung, Kritik zu äußern, lag bei ihm. Die Reaktion Trumps nicht.

Marcus Aurelius schrieb in seinen Selbstbetrachtungen: "Du hast Macht über deinen Geist, nicht über die äußeren Ereignisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden." (Selbstbetrachtungen, VI, 58)

Der häufigste Fehler im politischen Diskurs, und im Alltagsleben gleichermaßen, besteht darin, das Schweigen als Kontrolle misszuverstehen. Wer schweigt, um Trumps Wohlwollen zu behalten, kontrolliert nicht die Situation, sondern gibt die Kontrolle über das eigene Handeln an eine externe Macht ab. Der gute Draht nach Washington ist dann kein diplomatisches Werkzeug mehr, sondern ein Maulkorb.

Das heißt nicht, dass Merz' Kritik automatisch tugendhaft war. Seneca warnt in seinen Briefen an Lucilius davor, Mut mit Unbesonnenheit zu verwechseln: "Der Weise wählt den richtigen Moment, das Richtige zu tun." (Epistulae Morales, 1, 1) Tapferkeit ohne Urteil ist Rücksichtslosigkeit. Die stoische Tradition unterscheidet sorgfältig zwischen dem, was gesagt werden muss, und dem, wann und wie es gesagt werden soll.

Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob Merz recht hatte mit seiner inhaltlichen Einschätzung des Iran-Krieges. Die Frage ist, ob er diese Einschätzung nach reiflicher Überlegung geäußert hat oder impulsiv. Und ob er bereit ist, für die Konsequenzen gerade zu stehen, ohne sich später zu winden.

Genau hier liegt das, was die Stoa als prohairesis bezeichnet, die bewusste Wahl. Prohairesis ist nicht bloß eine Entscheidung. Sie ist der Kern dessen, was einen Menschen von einer bloßen Reaktionsmaschine unterscheidet. Wer aus Prohairesis spricht, wählt seine Worte nicht, weil sie sicher sind, sondern weil sie zutreffend sind. Und wer das tut, muss anschließend akzeptieren, dass andere reagieren werden, wie sie reagieren werden.

Trump ist verärgert. Das ist Trumps Reaktion, und sie liegt außerhalb von Merz' Einflussbereich. Was innerhalb seines Einflussbereichs liegt: die Frage, ob er nun zurückrudert, relativiert oder bei seiner Einschätzung bleibt. Der nächste Schritt ist die eigentliche Prüfung des Charakters, nicht der erste.

Wer das Richtige sagt und dann für die Reaktionen der anderen Entschuldigungen sucht, hat nicht Mut gezeigt, sondern eine Meinung geäußert und sich dann vor ihr gedrückt. Epiktet hätte dafür kein Verständnis gehabt.


Tagesgedanke

Wenn du eine Meinung nur solange vertrittst, bis jemand Mächtiges sie ablehnt, war es nie wirklich deine Meinung.


Quelle: Der Spiegel, Politik — Originalartikel