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Kuba im Dunkeln: Was bleibt, wenn der Strom ausgeht
Der CIA-Direktor reiste nach Havanna, während Kuba mit einer der schwersten Energiekrisen seiner Geschichte kämpft. Die USA boten Hilfe an – unter Bedingungen. Was diese Situation über die Grenzen menschlicher Kontrolle lehrt, hat Marc Aurel vor fast zweitausend Jahren in Worte gefasst.

Was ist passiert?
CIA-Direktor William Burns besuchte Berichten zufolge Anfang der Woche Havanna zu Gesprächen mit kubanischen Regierungsvertretern. Der Besuch fiel in eine Phase akuter Verschärfung der Energiekrise auf der Insel. Kuba erlebt seit Monaten massive, teils ganztägige Stromausfälle, die weite Teile des Landes betreffen. Krankenhäuser, Wasserversorgung und Nahrungsmittelkühlung sind beeinträchtigt.
Im Vorfeld des Besuchs erneuerten die USA ein Angebot humanitärer Hilfe, das explizit auf die Folgen des US-Ölembargos eingeht. Das Embargo existiert in verschiedenen Formen seit den frühen 1960er-Jahren und beschränkt Kubas Zugang zu Treibstoffen, Ersatzteilen und Finanzmitteln erheblich. Zuletzt verschärfte sich die Versorgungslage durch den Rückgang russischer Öllieferungen, auf die Kuba in den vergangenen Jahren stark angewiesen war.
Die kubanische Regierung unter Präsident Miguel Díaz-Canel hat die Krise öffentlich anerkannt, macht jedoch primär das US-Embargo für die Situation verantwortlich. Die Stromausfälle dauern laut Berichten lokaler Medien und von Hilfsorganisationen in einigen Regionen bis zu 20 Stunden pro Tag.
Über die genauen Inhalte der Gespräche zwischen Burns und kubanischen Offiziellen wurde offiziell nichts bekannt gegeben. Die BBC berichtete über den Besuch unter Berufung auf informierte Kreise. Weder die CIA noch das Weiße Haus kommentierten die Reise.
Parallel verhandelten beide Länder in den vergangenen Monaten über Migrationsfragen. Die Zahl kubanischer Migranten, die versuchen, die USA zu erreichen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen, was Washington als sicherheitspolitisches Problem wertet. Beobachter sehen den CIA-Besuch als Teil breiterer, diskret geführter Gespräche über mehrere Themen gleichzeitig.
Die humanitäre Lage auf der Insel wird von Nichtregierungsorganisationen als ernst eingestuft. Mangel an Medikamenten, Lebensmittelengpässe und die anhaltende wirtschaftliche Kontraktion belasten die kubanische Bevölkerung spürbar.
Die stoische Perspektive
Kuba im Jahr 2025 ist ein Lehrstück über das, was die Stoiker die Dichotomie der Kontrolle nannten. Epiktet formulierte es im ersten Satz seines Encheiridion so direkt, dass es keine Kommentierung braucht: "Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht."
Was liegt in der Macht der kubanischen Bevölkerung? Nicht das Embargo. Nicht die geopolitischen Interessen Washingtons oder Moskaus. Nicht die Entscheidung, ob ein CIA-Direktor landet oder nicht. Nicht einmal die eigene Stromversorgung, wenn das Netz kollabiert.
Was liegt in ihrer Macht? Die Art, wie Menschen miteinander umgehen, wenn der Kühlschrank nicht mehr kühlt. Ob ein Arzt in einem Krankenhaus ohne Strom weiter arbeitet oder nicht. Ob Nachbarn teilen, was sie haben.
Hier trennt sich stoische Philosophie von populärem Resilienz-Denken. Die Stoa verlangt keine positive Einstellung zur Unterdrückung. Sie fordert auch keine passive Akzeptanz des Ungerechten. Marc Aurel schrieb in seinen Selbstbetrachtungen, Buch 6, Kapitel 2: "Hindert dich etwas? Gut. Dann nutze dieses Hindernis, um vorwärtszukommen. Das Hindernis im Weg wird zum Weg." Das klingt nach Motivationsplakat, meint aber etwas Härteres: Die äußere Lage bleibt, was sie ist. Die Frage ist, welche Handlung noch möglich ist.
Für einen Menschen in Havanna, der seine Medikamente nicht kühlen kann, ist dieser Gedanke nicht tröstlich im Sinne von angenehm. Er ist tröstlich im ursprünglichen Sinne des Wortes: Er gibt Orientierung, wenn die Umstände keine Orientierung mehr bieten.
Ein zweiter stoischer Gedanke greift hier: Sympatheia, das Mitgefühl als Vernunftprinzip. Marc Aurel, selbst Kaiser und damit formal Herrscher über Millionen, sah die Menschheit als ein Lebewesen, dessen Teile aufeinander angewiesen sind. Politische Grenzen, Blockaden, Sanktionen berühren für ihn eine moralische Grundfrage: Wir sind nicht voneinander getrennt, egal was Gesetze und Grenzen behaupten.
Die CIA-Vermittlung wirft aus dieser Perspektive eine unbequeme Frage auf. Wenn ein Geheimdienst, dessen Behörde jahrzehntelang an der Destabilisierung Kubas beteiligt war, nun Gespräche führt über mögliche Hilfe, dann ist das vielleicht Vernunft. Seneca mahnte in seinen Epistulae Morales, Brief 8: Man soll das Richtige tun, nicht weil es angenehm ist, sondern weil die Vernunft es verlangt. Geopolitischer Pragmatismus und moralische Vernunft können sich decken, müssen es aber nicht.
Was die Stoa verweigert, ist die Haltung des Zuschauers, der sagt: Das ist ihr Problem, nicht meins. Marc Aurel regierte ein Imperium und hielt sich trotzdem täglich dazu an, die eigene Gleichgültigkeit zu bekämpfen. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil er der Überzeugung war, dass Unvernunft sich ausbreitet, wenn sie unwidersprochen bleibt.
Für einen Menschen weit entfernt von Kuba bleibt die Frage, die Epiktet stellen würde: Was liegt in deiner Macht? Informiert sein. Nicht wegschauen. Urteilen, ohne zu verurteilen, was man nicht kennt. Die innere Haltung zum Leid anderer Menschen gehört zum engsten Kern dessen, was prohairesis bedeutet, die bewusste Wahl der eigenen Reaktion auf das, was geschieht.
Kuba ist dunkel. Aber wer hinschaut, hat noch eine Wahl.
Tagesgedanke
Was du nicht kontrollieren kannst, definiert die Lage. Was du kontrollieren kannst, definiert dich.
Quelle: BBC World — Originalartikel auf BBC.com
QuelleBBC World →
