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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit7. Juni 2026

Töten oder getötet werden: Was bleibt, wenn Krieg die Kindheit frisst

Yusuf Ali wurde als Kind in Somalia zur Waffe gemacht. Heute, mit 34 Jahren, lebt er in Mogadishu und kämpft gegen Erinnerungen, die ihn nicht loslassen. Was die Philosophie Epiktets über innere Freiheit unter äußerem Zwang zu sagen hat, ist hier keine abstrakte Übung.

Töten oder getötet werden: Was bleibt, wenn Krieg die Kindheit frisst

Was ist passiert?

Yusuf Ali ist 34 Jahre alt und lebt in Mogadishu, der somalischen Hauptstadt. Was ihn von Millionen anderer Bewohner dieser Stadt unterscheidet: Er war Kindersoldat. Die BBC hat ihn porträtiert und ihm Raum gegeben, über das zu sprechen, was er erlebt hat und was ihn bis heute verfolgt.

Ali beschreibt seine damalige Situation mit einem Satz, der keine Interpretation braucht: „Es war töten oder getötet werden." Kinder wurden in Somalia seit den frühen 1990er-Jahren von bewaffneten Milizen rekrutiert, darunter von al-Shabaab und deren Vorläuferorganisationen. Die Vereinten Nationen dokumentieren diese Praxis seit Jahren. Somalia gehört zu den Ländern mit der höchsten Rate an Rekrutierung von Kindersoldaten weltweit.

Ali lebt heute noch in Mogadishu, umgeben von Orten, die ihn täglich an sein früheres Leben erinnern. Er beschreibt anhaltende Albträume. Therapeutische Infrastruktur für ehemalige Kindersoldaten ist in Somalia strukturell kaum vorhanden. Viele Betroffene erhalten keine psychologische Begleitung, weil sie finanziell nicht zugänglich oder gesellschaftlich stigmatisiert ist.

Der Bericht der BBC zeichnet kein abstraktes Bild von Kriegstrauer, sondern zeigt einen konkreten Menschen, der versucht, ein Leben nach dem Undenkbaren aufzubauen. Ali spricht, er ist sichtbar, und er ist nicht allein. Schätzungen der Vereinten Nationen gehen davon aus, dass weltweit mehrere zehntausend Kinder aktiv in bewaffneten Konflikten eingesetzt werden oder wurden.

Was den Fall Ali besonders macht: Er sucht keine Entschuldigung, keine Selbstverklärung. Er benennt das, was war. Und er lebt trotzdem weiter.

Die stoische Perspektive

Epiktet wurde als Sklave geboren. Er konnte seinen Körper nicht schützen, seinen Besitz nicht sichern, seine Freiheit nicht erzwingen. Was er trotzdem besaß, nannte er prohairesis, die bewusste innere Zustimmung oder Ablehnung gegenüber dem, was das Leben bringt. In seinem Handbüchlein, dem Enchiridion, schreibt er: „Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht." (Enchiridion, Kapitel 1)

Das ist keine beruhigende Weisheit für Wohlhabende. Epiktet meinte es radikal: Selbst wenn alles andere weggenommen wird, bleibt diese eine Fähigkeit. Nicht glücklich zu sein. Nicht unbeschadet. Aber fähig, sich zu dem zu verhalten, was geschieht.

Yusuf Ali hat als Kind keine Wahl gehabt. Das ist keine philosophische Position, das ist ein Befund. Kinder, die unter Waffengewalt rekrutiert werden, handeln nicht frei. Die Dichotomie der Kontrolle, das Herzstück der stoischen Praxis, greift hier nicht als Vorwurf. Sie greift als Beschreibung einer Situation, in der ein Mensch in das Nicht-Kontrollierbare hineingezwungen wurde, vollständig.

Was die Stoiker zu dieser Situation sagen würden, ist deshalb nicht einfach: „Du hättest Nein sagen können." Das wäre Zynismus, kein Denken. Was Marcus Aurelius in seinen Selbstbetrachtungen immer wieder umkreist, ist etwas anderes: der Unterschied zwischen dem, was einem widerfahren ist, und dem, was man daraus macht. „Du hast Macht über deinen Geist, nicht über äußere Ereignisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden." (Selbstbetrachtungen, Buch 6, 8)

Das ist keine Aufforderung zur Verdrängung. Seneca unterscheidet in seinen Briefen an Lucilius zwischen dem Erleiden eines Schmerzes und dem Weitererleiden, dem Wiederbeleben eines Schmerzes im Geist, lange nachdem der äußere Auslöser weg ist. Er schreibt: „Omnia, Lucili, aliena sunt, tempus tantum nostrum est." Alles gehört anderen, Lucilius, nur die Zeit gehört uns. (Epistulae morales, Brief 1)

Ali lebt in Mogadishu, mitten in den Trümmern seiner Vergangenheit. Das ist keine freie Entscheidung, sondern Realität. Was er macht, wie er den nächsten Tag begeht, das liegt in seiner Macht, auch wenn die Albträume es nicht spüren lassen.

Hier liegt der eigentliche philosophische Nerv dieses Falls: Trauma ist nicht das Gegenteil stoischer Praxis. Trauma ist die extremste Form des Tests, ob die Unterscheidung zwischen Kontrolliertem und Unkontrollierbarem trägt. Epiktet hat seinen gebrochenen Arm nicht weggeredet. Er hat ihn gebrochen, weil sein Herr ihn drehte. Was er sagte, war: Ich habe dir gesagt, dass er brechen wird. Das klingt hart. Es ist aber das Gegenteil von Kälte. Es ist die Weigerung, sich von außen definieren zu lassen.

Für Ali bedeutet das keine schnelle Auflösung. Stoizismus ist kein Therapieersatz. Aber er bietet eine Struktur: Was von gestern kommt, gehört gestern. Was heute entschieden wird, gehört heute. Und die Fähigkeit zu dieser Unterscheidung ist, solange ein Mensch atmet, nicht vollständig zerstörbar.

Tagesgedanke

Was dir angetan wurde, definiert die Welt von gestern; wie du heute darauf schaust, ist das Einzige, das dir niemand nehmen konnte.


Quelle: BBC World — Originalartikel auf BBC.com