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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit29. April 2026

Befehlen zu sterben: Was bleibt, wenn keine Wahl mehr bleibt

Kim Jong Un lobte öffentlich nordkoreanische Soldaten, die sich in der Ukraine lieber selbst sprengten, als sich gefangen nehmen zu lassen. Hinter dieser Meldung steckt eine der dunkelsten Fragen der menschlichen Existenz: Was bedeutet Selbstbestimmung, wenn der Staat sie vollständig besetzt hat?

Befehlen zu sterben: Was bleibt, wenn keine Wahl mehr bleibt

Was ist passiert?

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hat Soldaten öffentlich gelobt, die sich in der Ukraine durch Selbstsprengung das Leben genommen haben, um einer Gefangennahme zu entgehen. Das berichtete die BBC unter Berufung auf südkoreanische Geheimdienstquellen und Berichte ukrainischer Militärs.

Die Erklärung bestätigt einen Verdacht, der seit Wochen kursierte: Nordkoreanische Soldaten sind offenbar angewiesen worden, im Falle einer drohenden Gefangennahme Granaten zu zünden und sich selbst zu töten. Mehrere Vorfälle dieser Art sollen ukrainische Truppen bereits beobachtet haben.

Nordkorea entsendet seit Ende 2024 Soldaten nach Russland. Schätzungen gehen von etwa 10.000 bis 12.000 Soldaten aus, die im Rahmen einer militärischen Kooperationsvereinbarung zwischen Pjöngjang und Moskau an der Seite russischer Kräfte kämpfen. Das ukrainische Militär berichtete, diese Soldaten seien anfangs schlecht auf den modernen Grabenkrieg vorbereitet gewesen, hätten aber schnell gelernt.

Kim bezeichnete die selbst herbeigeführten Tode seiner Soldaten laut Staatsmedien als Beweis für "unerschütterliche Loyalität" gegenüber dem Vaterland. Die Formulierung ist Teil der ideologischen Rahmung, mit der das Regime militärischen Gehorsam bis in den Tod zur Tugend erklärt.

Ob die betroffenen Soldaten wussten, wohin sie entsandt wurden, ist unklar. Es gibt Hinweise, dass viele von ihnen glaubten, an Übungen in Russland teilzunehmen. Zugang zu internationaler Information haben sie de facto nicht. Gefangenschaft würde für sie und ihre Familien in Nordkorea mit großer Wahrscheinlichkeit schwerwiegende Konsequenzen haben.

Bisher sollen ukrainische Streitkräfte zwei nordkoreanische Soldaten lebend gefangengenommen haben, die inzwischen befragt worden sind.

Die stoische Perspektive

Epiktet, der als Sklave geboren wurde und unter physischer Gewalt lebte, stellte eine Frage ins Zentrum seiner Philosophie: Was ist wirklich unser? Seine Antwort war radikal: nur die Wahl, wie wir uns innerlich zu dem verhalten, was mit uns geschieht. Er nannte es prohairesis, die bewusste Wahl. Alles andere, Körper, Ruf, das Leben selbst, liegt außerhalb dieser Grenze.

Doch das Schicksal nordkoreanischer Soldaten in der Ukraine stellt diese Theorie vor eine extreme Prüfung, und wer sie besteht, sollte ehrlich benennen, was auf dem Spiel steht.

Epiktet schrieb im zweiten Buch der Diatriben: "Du wirst mich nicht zwingen." Der Satz klingt nach Freiheit, aber er meinte etwas Präzises: Kein äußerer Zwang kann mein inneres Urteil ersetzen. Selbst ein Tyrann kann mich töten. Er kann nicht entscheiden, was ich dazu denke. Diese Unterscheidung ist die philosophische Grundlage stoischer Freiheit.

Aber hier liegt das Problem, das diese Nachricht aufwirft: Nordkoreanische Soldaten wurden in einem Staat sozialisiert, der prohairesis systematisch annektiert hat. Das Regime hat nicht nur die äußeren Umstände kontrolliert, sondern über Jahrzehnte hinweg die Kategorien, mit denen diese Menschen die Welt verstehen. Was bedeutet "bewusste Wahl", wenn die Struktur des Denkens selbst geformt wurde?

Marcus Aurelius schrieb in seinen Selbstbetrachtungen, Buch 6, Abschnitt 8: "Dem vernunftgemäßen Wesen ist dieselbe Handlung, die der Natur gemäß ist, zugleich der Vernunft gemäß." Er meinte damit, dass Vernunft und Natur für den Menschen zusammenfallen. Der Mensch ist das Wesen, das wählt. Aber was, wenn die Vernunft selbst kolonialisiert wurde?

Seneca würde an dieser Stelle nicht zynisch werden. Er würde darauf bestehen, dass die Kapazität zur Vernunft in jedem Menschen angelegt ist, unabhängig davon, wie stark sie unterdrückt wurde. In seinem 77. Brief an Lucilius schrieb er über den freiwilligen Tod und betonte, dass die Frage nicht sei, ob jemand lange lebt, sondern ob er gut lebt. Aber er schrieb dies aus einer Position heraus, in der der Einzelne überhaupt Zugang zu Reflexion hatte.

Nordkoreanische Soldaten, die sich in einem ukrainischen Feld sprengen, handeln möglicherweise aus echter Überzeugung. Oder aus Angst vor dem, was Gefangenschaft für ihre Familien bedeutet. Oder aus einem reflexartigen Gehorsam, der ihnen als Tugend eintrainiert wurde. Von außen ist das nicht zu unterscheiden. Und genau das ist die moralische Katastrophe, die Kim Jong Uns Lob verdeckt: Er hat den Begriff "Wahl" vollständig besetzt und nennt das Ergebnis Loyalität.

Die stoische Antwort auf diese Nachricht ist keine Bewunderung für Todesmut. Sie ist eine Diagnose: Ein Staat, der die prohairesis seiner Bürger besetzt, übt die tiefste Form von Tyrannei aus, die es gibt. Nicht die über Körper, sondern die über das Urteilsvermögen.

Was für uns bleibt, also für jene, die diese Nachricht lesen und die Wahl haben, darüber nachzudenken: Die Fähigkeit zur vernünftigen Entscheidung ist kein Selbstläufer. Sie muss gepflegt, geschützt und immer wieder gegen äußere Besetzungsversuche verteidigt werden. Auch in weniger extremen Kontexten.

Tagesgedanke

Wer dir erklärt, was du denken sollst, wenn du stirbst, hat bereits den gefährlichsten Teil deiner Freiheit gestohlen.


Quelle: BBC World — Originalartikel auf BBC.com