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Wenn der Verkehr stillsteht: Kenia und die Frage, was wir wirklich kontrollieren
Ein landesweiter Transportstreik legt Kenias Straßen lahm. Schulen schließen, Pendler stehen fest. Die Situation zeigt, wie Menschen unter wirtschaftlichem Druck kollektiv handeln – und was Epiktet über die Grenzen unserer Macht zu sagen hätte.

Was ist passiert?
Ein landesweiter Streik im kenianischen Transportsektor hat am Dienstag weite Teile des öffentlichen Lebens zum Erliegen gebracht. Fahrer von Matatus, den typischen Kleinbussen, die das Rückgrat des städtischen Nahverkehrs bilden, beteiligten sich gemeinsam mit Betreibern von Tuktuks und anderen Transportmitteln an dem Ausstand. Die wichtigsten Straßen in Nairobi und anderen Städten blieben weitgehend leer. Mehrere Schulen forderten Schülerinnen und Schüler auf, zu Hause zu bleiben, da die Transportwege nicht gewährleistet werden konnten.
Auslöser ist die anhaltend hohe Belastung durch Treibstoffpreise. Kenia gehört zu den ostafrikanischen Ländern, die besonders stark von globalen Rohstoffpreisen abhängig sind, da ein Großteil des Kraftstoffs importiert werden muss. Die Betreiber beklagen, dass die laufenden Kosten den wirtschaftlichen Betrieb zunehmend unrentabel machen. Verhandlungen mit der Regierung über Subventionen oder Preisdeckel hatten nach Angaben der Streikführenden bislang keine konkreten Ergebnisse gebracht.
Betroffen waren besonders Arbeitnehmer im informellen Sektor und Pendler in Außenbezirken, die keine Alternativen zum öffentlichen Nahverkehr haben. Für viele Menschen in Nairobi bedeutet ein Streik dieser Art nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern den Verlust eines Arbeitstages und damit direkten Einkommensverlust. Krankenhäuser, Märkte und kleinere Betriebe meldeten Personalengpässe.
Die Regierung äußerte sich zum Zeitpunkt der Berichterstattung zurückhaltend. Ob und wann die Verhandlungen wiederaufgenommen werden, war zunächst unklar. Die Organisatoren des Streiks signalisierten, den Ausstand fortzusetzen, bis verbindliche Zusagen vorliegen.
Kenia ist nicht allein mit dieser Entwicklung. Ähnliche Streiks gab es in den vergangenen Jahren in Uganda, Ghana und Nigeria, jeweils ausgelöst durch eine Kombination aus globalen Energiepreisen, schwacher Landeswährung und fehlenden staatlichen Ausgleichsmechanismen.
Die stoische Perspektive
Was der kenianische Transportstreik auf den ersten Blick zeigt, ist wirtschaftliche Not. Was er auf den zweiten zeigt, ist das ewige Problem menschlicher Handlungsfähigkeit unter äußerem Druck.
Epiktet beginnt sein Encheiridion mit einem der präzisesten Sätze der Philosophiegeschichte: "Von allem, was es gibt, ist manches in unserer Macht, manches nicht." (Encheiridion, 1) In unserer Macht liegen Meinung, Antrieb, Verlangen und Abneigung. Nicht in unserer Macht liegen Körper, Ruf, Ämter und, man darf ergänzen: Rohstoffmärkte, Importpreise und globale Energiekrisen.
Die Matatu-Fahrer in Nairobi können den Ölpreis nicht kontrollieren. Sie können nicht kontrollieren, was auf Terminmärkten in London oder New York gehandelt wird, und sie können nicht kontrollieren, ob die kenianische Regierung in dieser Woche verhandlungsbereit ist oder nicht. Was sie kontrollieren können, ist ihre Reaktion auf diese Umstände, und der Streik ist eine solche Reaktion. Kollektiver Widerspruch, organisiert und gewaltfrei, ist eine Form von prohairesis, der bewussten Wahl. Epiktet würde das nicht als Schwäche lesen, sondern als den Bereich menschlicher Handlung, der tatsächlich zu uns gehört.
Hier liegt aber auch die Grenze, an der die Stoa unbequem wird. Epiktet war Sklave, und er hat nicht gestreikt. Seine Lehre entstand unter Bedingungen extremer Unfreiheit, und sie legt nahe, innere Freiheit auch dort zu bewahren, wo äußere Freiheit fehlt. Das ist eine mächtige Idee, und gleichzeitig eine, die man nicht leichtfertig auf Menschen in wirtschaftlicher Notlage anwenden sollte. Innere Haltung ersetzt kein Einkommen.
Marcus Aurelius schreibt in seinen Selbstbetrachtungen: "Verweile nicht bei dem, was andere tun oder nicht tun, sondern richte deinen Blick geradeaus und frage dich, wozu die Natur dich ruft." (Buch X, 16) Das klingt zunächst nach Rückzug, nach Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Konflikten. Doch Marcus meinte damit nicht Passivität. Er meinte, den eigenen Beitrag klar zu sehen, ohne sich von den Reaktionen anderer abhängig zu machen. Der Streikende, der handelt weil er handeln muss und nicht weil er auf Applaus wartet, entspricht diesem Bild besser als derjenige, der in ohnmächtige Wut verfällt oder Verantwortung delegiert.
Der stoische Kern dieser Situation ist folgender: Das Leid, das aus hohen Treibstoffpreisen entsteht, ist real. Die Vernunft verlangt, dass man benennt, was man ändern kann, und loslässt, was man nicht ändern kann. Wer seine gesamte psychische Stabilität an einen Ölpreis hängt, übergibt die Kontrolle über sein inneres Leben an Märkte. Wer hingegen klar zwischen Reaktion und Ursache trennt, handelt aus einer Position, die Seneca in seinem 77. Brief an Lucilius beschreibt: "Fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas complectere." Handle, umfasse jede Stunde, lass die äußeren Dinge nicht bestimmen, was in dir vorgeht.
Für die Menschen in Nairobi, die an diesem Dienstag nicht zur Arbeit kamen, ist das abstrakt. Für jeden, der diese Nachricht liest, ist es eine Einladung zur Überprüfung: Welche Preisschilder, welche Nachrichten, welche externen Schwankungen bestimmen gerade deine innere Verfassung, obwohl du über sie keine Macht hast?
Tagesgedanke
Nicht jede Straße, die gesperrt ist, sperrt auch deinen nächsten Schritt.
Quelle: BBC World — Originalartikel auf bbc.com
QuelleBBC World →
