Die Anpassung der Pflicht an eine veränderte Welt
Der Grünen-Politiker Janosch Dahmen vollzieht den Wandel vom Pazifisten zum Bundeswehr-Reservisten. Seine Entscheidung wirft ein neues Licht auf die Frage, wie wir unsere Pflichten anpassen, wenn sich die globale Realität verändert.

Was ist passiert?
Der Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, hat eine persönliche und politische Kehrtwende vollzogen. Wie der Spiegel berichtet, ist der 43-jährige Mediziner in einem streng pazifistischen Milieu aufgewachsen. In seiner Jugend verweigerte er folgerichtig den Wehrdienst und leistete stattdessen Zivildienst im Rettungsdienst. Nun hat sich Dahmen freiwillig als Reservist bei der Bundeswehr gemeldet und im Sanitätsdienst der Streitkräfte eine militärische Ausbildung absolviert, die auch das Schießen mit dem Sturmgewehr G36 umfasste.
Dahmen begründet diesen Schritt mit der veränderten sicherheitspolitischen Lage in Europa, insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Annahme, dass Frieden in Europa ohne militärische Abschreckung dauerhaft gesichert werden könne, habe sich als Irrtum erwiesen. Seine Entscheidung versteht er als praktischen Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit des Landes. Als Arzt und Politiker sieht er sich in der Verantwortung, im Ernstfall nicht nur theoretische Entscheidungen zu treffen, sondern auch praktisch handlungsfähig zu sein.
Die Ausbildung zum Reservisten absolvierte Dahmen im nordsächsischen Delitzsch. Dort durchlief er gemeinsam mit anderen Seiteneinsteigern ein verkürztes Ausbildungsprogramm, das Zivilisten auf den Dienst im Sanitätsbereich der Bundeswehr vorbereitet. Der Abgeordnete betont, dass dieser Schritt für ihn kein Bruch mit seinen Grundwerten sei. Vielmehr habe sich die Methode geändert, mit der er diese Werte schützen wolle. Die Debatte um die Wehrgerechtigkeit und die Rolle der Bundeswehr gewinnt durch prominente Fälle wie den von Dahmen eine neue, persönliche Dimension in der politischen Landschaft.
Die stoische Perspektive
Der Wandel von Janosch Dahmen berührt den Kern der stoischen Handlungsethik, insbesondere den Begriff der Pflicht, im Griechischen als kathekon und im Lateinischen bei Cicero als officium bezeichnet. Für die Philosophie der Stoa ist der Mensch kein isoliertes Wesen, sondern Teil einer kosmischen Gemeinschaft, der sympatheia. Aus dieser Zugehörigkeit erwächst die Pflicht, zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen. Wie diese Pflicht konkret ausfällt, ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. Sie erfordert die ständige Anwendung der praktischen Vernunft, der phronesis, auf die aktuelle Realität.
Kritiker könnten Dahmens Schritt als opportunistischen Meinungsumschwung oder als Verrat an früheren Idealen werten. Aus philosophischer Sicht stellt sich die Frage anders: Ist es weiser, an einem einmal gefassten Dogma festzuhalten, oder muss die eigene Haltung korrigiert werden, wenn sich die Faktenlage fundamental ändert?
Marcus Aurelius liefert in seinen Selbstbetrachtungen eine klare Richtschnur für diese geistige Flexibilität. Er schreibt im VI. Buch, Abschnitt 21:
„Wenn mir jemand überzeugend dartun und beweisen kann, dass ich nicht richtig urteile oder handle, so will ich mich gern korrigieren. Ich suche ja die Wahrheit, von der noch niemand Schaden erlitten hat. Schaden leidet vielmehr der, welcher auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit beharrt.“
Die Bereitschaft, die eigene Position zu revidieren, gilt in der Stoa nicht als Schwäche, sondern als Zeichen intellektueller Aufrichtigkeit. Wer starr an Prinzipien festhält, die der Realität nicht mehr standhalten, dient nicht der Tugend, sondern der eigenen Eitelkeit. Dahmen reagiert auf äußere Umstände, die außerhalb seiner Kontrolle liegen, die geopolitische Lage, der Krieg in Europa, indem er das anpasst, was in seiner Kontrolle liegt: seine eigene Handlungsweise.
Dahmens Entscheidung verdeutlicht zudem das stoische Konzept der Rollenverteilung. Epiktet beschreibt in seinen Lehrgesprächen, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens verschiedene Rollen auszufüllen hat: Bürger, Vater, Politiker, Berater. Die Kunst besteht darin, die jeweilige Rolle mit Integrität auszufüllen. Als junger Mann im Frieden sah Dahmen seine Pflicht im zivilen Rettungsdienst. Als Bundestagsabgeordneter in einer Phase der Bedrohung sieht er seine Pflicht darin, die Wehrhaftigkeit des Staates auch physisch zu unterstützen.
Diese Anpassungsfähigkeit ist kein moralischer Relativismus. Das übergeordnete Ziel, der Schutz des Gemeinwesens und die Bewahrung der Gerechtigkeit, bleibt konstant. Nur die Mittel werden an die veränderte Realität angepasst. Wer die Welt verändern will, muss zuerst akzeptieren, wie sie tatsächlich ist.
Tagesgedanke
Ein Dogma aufzugeben, wenn sich die Wirklichkeit ändert, ist kein Verlust an Glaubwürdigkeit, sondern der Beginn echter Vernunft.
Quelle: Der Spiegel — Originalartikel im Text verlinkt
