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Wenn der Staat tötet, um zu schweigen: Hinrichtungen im Iran und die Frage innerer Freiheit
Der Iran hat zwei Männer im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten hingerichtet. Menschenrechtsorganisationen warnen vor systematischer Einschüchterung. Was bleibt dem Einzelnen, wenn äußere Gewalt jeden Widerstand zu zermalmen droht?

Was ist passiert?
Der Iran hat zwei Männer hingerichtet, die im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten verhaftet worden waren. Die Proteste hatten sich im Herbst 2022 nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini entzündet, die in Polizeigewahrsam gestorben war, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen angeblich nicht ordnungsgemäßen Tragens des Kopftuchs festgenommen wurde. Die Welle des Protests erfasste innerhalb weniger Wochen Dutzende Städte im ganzen Land.
Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International und die in Oslo ansässige Iran Human Rights (IHR), bezeichnen die Hinrichtungen als gezieltes Instrument der staatlichen Einschüchterung. Sie sollen die Bevölkerung von weiteren Protesten abhalten und ein Signal an potenzielle Oppositionelle senden. IHR dokumentierte zudem einen drastischen Anstieg der Gesamtzahl der Exekutionen im Iran in den vergangenen Monaten. Laut der Organisation wurden allein im Jahr 2023 mehr als 800 Menschen hingerichtet, was den höchsten Stand seit fast drei Jahrzehnten darstellt.
Die iranische Justiz hatte die Verurteilten nach Angaben von Menschenrechtlern in Schnellverfahren abgeurteilt. Beobachter bezweifeln, dass die rechtsstaatlichen Mindeststandards für faire Verfahren eingehalten wurden. Anwälten sei der Zugang zu ihren Mandanten teils vollständig verwehrt worden.
International lösten die Hinrichtungen scharfe Verurteilungen aus. Europäische Regierungen und die Vereinten Nationen forderten ein Ende der Todesstrafe im Kontext politischer Verfahren. Der Iran wies diese Kritik als Einmischung in innere Angelegenheiten zurück.
Die Proteste selbst wurden von den iranischen Sicherheitskräften brutal niedergeschlagen. Hunderte Menschen kamen dabei ums Leben, Tausende wurden verhaftet. Das Regime überlebte die Welle des Widerstands, jedoch zeigen Berichte, dass Teile der Bevölkerung den offenen Widerstand zwar aufgegeben haben, die Unzufriedenheit aber weiter schwelt.
Die stoische Perspektive
Epiktet war Sklave. Nicht als Metapher, sondern als historische Tatsache. Er wurde in Hierapolis geboren, nach Rom verschleppt und diente dem kaiserlichen Freigelassenen Epaphroditos. Sein Herr brach ihm, der Überlieferung nach, das Bein, um seine Macht zu demonstrieren. Epiktet soll dabei ruhig gesagt haben, das Bein werde brechen, und als es brach, habe er bemerkt: Siehst du, ich habe es dir gesagt.
Ob diese Geschichte exakt so stimmt, lässt sich nicht prüfen. Aber sie beschreibt präzise, was Epiktet in den Discourses systematisch ausarbeitet: die Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht. "Manche Dinge liegen in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht sind Meinung, Antrieb, Begehren, Ablehnung", schreibt er im Enchiridion, dem Handbüchlein, Kapitel 1. Der Körper liegt nicht in unserer Macht. Das Urteil anderer liegt nicht in unserer Macht. Und ein Urteil, das zum Tod führt, liegt nicht in unserer Macht.
Was bedeutet das für die Männer, die im Iran hingerichtet wurden? Und was bedeutet es für jene, die noch leben und entscheiden müssen, ob sie weitermachen?
Hier öffnet sich ein Spannungsfeld, das die Stoa nicht bequem auflöst. Epiktet meint nicht, dass äußere Gewalt gleichgültig ist. Er meint, dass sie die innere Verfassung des Menschen nicht zerstören kann, solange dieser sie nicht zerstören lässt. Der Staat kann den Körper töten. Er kann die Prohairesis, die bewusste Zustimmung des Geistes, nicht erzwingen. Wer auf der Straße stirbt, weil er gegen Unterdrückung protestiert, hat eine Wahl getroffen. Wer schweigt, trifft ebenfalls eine Wahl.
Marcus Aurelius, der als Kaiser genau die Macht verkörperte, gegen die Proteste sich richten, formulierte in den Selbstbetrachtungen (Buch 11, Abschnitt 3) etwas, das auf den ersten Blick banal klingt: "Richte deinen Geist auf das, was vor dir liegt." Aber er schrieb das nicht als Ermunterung zur Passivität. Er schrieb es als Mahnung an sich selbst, weil er wusste, wie leicht Macht korrumpiert und wie leicht man sich in der Rolle des Unterdrückers verliert, während man sich einredet, das Richtige zu tun.
Ein Regime, das Hinrichtungen als Einschüchterungsmittel einsetzt, setzt auf einen bestimmten psychologischen Mechanismus: Es will, dass die Bevölkerung nicht mehr zwischen dem unterscheidet, was wirklich gefährlich ist, und dem, was sich nur so anfühlt. Angst ist das Werkzeug. Und Angst, das wusste schon Seneca in seinem Brief 24 an Lucilius, ist fast immer schlimmer als die Sache selbst: "Maior pars eorum quae timebamus, non venit" - das meiste von dem, was wir fürchten, tritt nie ein.
Seneca schrieb das an einen Mann, dem er riet, dem Tod furchtlos ins Gesicht zu sehen. Er schrieb es nicht leichtfertig. Er wusste, dass der Tod kommen kann, er selbst starb auf Befehl Neros. Aber er unterschied klar zwischen dem Tod als Tatsache und dem Tod als permanentem Schrecken, mit dem man sein Leben im Voraus bezahlt.
Das ist kein Trost für die Angehörigen der Hingerichteten im Iran. Philosophie heilt keine Trauer. Aber sie benennt etwas Wesentliches: Ein Staat, der tötet, um Schweigen zu erzwingen, offenbart damit seine eigene Schwäche. Wer wirkliche Legitimität besitzt, braucht keine Exekutionen als Argument.
Die Menschen, die trotzdem auf die Straße gehen, tun das nicht, weil sie den Tod nicht fürchten. Sie tun es, weil sie entschieden haben, dass das, was auf dem Spiel steht, mehr wert ist als das, was sie verlieren könnten. Epiktet würde sagen: Das ist prohairesis. Das ist die einzige Freiheit, die kein Regime nehmen kann.
Tagesgedanke
Wer deinen Körper bezwingen kann, hat damit noch nicht deinen Willen berührt.
Quelle: Der Spiegel — Originalartikel
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