Die Illusion der sicheren Industrie: Wenn der Wandel die Karriere bedroht
Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts prognostiziert den Verlust von fast der Hälfte aller Arbeitsplätze in der europäischen Automobilindustrie bis 2040. Die fundamentale wirtschaftliche Verschiebung zwingt uns zu der Frage, wie wir persönliche Stabilität in einer sich verändernden Welt bewahren.

Was ist passiert?
Die europäische Automobilindustrie steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel, der fast die Hälfte der bestehenden Arbeitsplätze kosten könnte. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI), über die Zeit Online berichtet. Demnach droht bis zum Jahr 2040 der Wegfall von bis zu 726.000 Arbeitsplätzen in Europa. Betroffen wäre damit fast die Hälfte der derzeit rund 1,6 Millionen Beschäftigten in diesem Sektor.
Die Ursachen für diese Entwicklung liegen vor allem in der Transformation hin zur Elektromobilität und der zunehmenden Digitalisierung der Fahrzeuge. Die Produktion von Elektrofahrzeugen ist weniger arbeitsintensiv als die Herstellung herkömmlicher Verbrennungsmotoren. Zudem verschieben sich die Wertschöpfungsketten massiv. Die Studienautoren warnen in diesem Zusammenhang vor einer wachsenden Abhängigkeit Europas von Drittstaaten, insbesondere bei der Beschaffung kritischer Rohstoffe und der Produktion von Batteriezellen.
Sollte Europa es nicht schaffen, eigene Kapazitäten in den neuen Schlüsseltechnologien aufzubauen, droht laut den Forschern das pessimistischste Szenario der Studie. Dieses sieht den Verlust der besagten 726.000 Stellen vor. Selbst in einem optimistischeren Szenario, bei dem Europa einen großen Teil der neuen Wertschöpfung im Inland halten kann, wird mit einem erheblichen Beschäftigungsrückgang gerechnet, da die neuen Arbeitsplätze in der Softwareentwicklung oder Batteriezellfertigung die Verluste in der klassischen Produktion quantitativ nicht ausgleichen können.
Die Automobilbranche gilt traditionell als das Rückgrat der europäischen, insbesondere der deutschen Industrie. Die Prognosen des Fraunhofer-Instituts verdeutlichen, dass der technologische Wandel nicht nur eine technische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung darstellt, die weite Teile der Belegschaft betrifft.
Die stoische Perspektive
Der drohende Verlust des eigenen Arbeitsplatzes berührt die Existenzgrundlage des Menschen und löst verständliche Existenzängste aus. In der antiken Philosophie, besonders in der Schule von Epiktet, liegt der Schlüssel zur Bewältigung solcher Krisen in der präzisen Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was sich unserem Einfluss entzieht. Epiktet beschreibt dieses Prinzip, das heute als Dichotomie der Kontrolle bekannt ist, im ersten Kapitel seines Handbüchleins:
„Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht stehen Urteil, Bestreben, Begierde und Meidung, kurz: alles, was unser eigenes Werk ist. Nicht in unserer Macht stehen der Leib, der Besitz, das Ansehen, die Ämter, kurz: alles, was nicht unser Werk ist.“ (Epiktet, Handbüchlein, 1)
Wendet man diese Perspektive auf die Krise der Automobilindustrie an, wird deutlich, dass die globalen Marktverschiebungen, die strategischen Entscheidungen der Konzerne und der technologische Fortschritt nicht im Machtbereich des einzelnen Arbeitnehmers liegen. Sie gehören zu den äußeren Dingen. Wer sein Seelenheil und seine Identität ausschließlich an eine bestimmte Position in einem Unternehmen oder an den Fortbestand einer gesamten Industrie koppelt, macht sich von äußeren Umständen abhängig.
Epiktet würde argumentieren, dass der Schmerz und die Angst nicht durch die Transformation der Industrie selbst entstehen, sondern durch die Vorstellung, dass ein Arbeitsplatz eine dauerhafte, unveränderliche Sicherheit bieten könnte. Die Natur der Wirtschaft ist, wie die Natur des Kosmos, ständige Veränderung.
Was hingegen im Machtbereich des Einzelnen liegt, ist die eigene Reaktion auf diese Krise. Dazu gehört die Bereitschaft, sich weiterzubilden, die eigene Flexibilität zu schulen und sich innerlich von der Identifikation mit einer Berufsbezeichnung zu lösen. Der Wert eines Menschen bemisst sich im Verständnis dieser Philosophie nicht nach seiner Position im Organigramm eines Automobilherstellers, sondern nach der Qualität seines Charakters und seiner Urteilskraft.
Die Konfrontation mit dem potenziellen Jobverlust ist eine Aufforderung, die eigene Widerstandsfähigkeit zu trainieren. Das bedeutet nicht, die Situation passiv hinzunehmen oder die wirtschaftlichen Sorgen zu verharmlosen. Es bedeutet, die Energie nicht in ohnmächtigem Zorn über den Strukturwandel zu verschwenden, sondern diese Kraft für die aktive Gestaltung der eigenen Zukunft zu nutzen. Die äußere Sicherheit mag schwinden, die innere Stabilität durch vernunftgeleitetes Handeln bleibt jedoch jederzeit gestaltbar.
Tagesgedanke
Wir können den Lauf des globalen Wandels nicht aufhalten, aber wir können entscheiden, ob wir von ihm mitgerissen werden oder lernen, uns in der neuen Landschaft zu bewegen.
Quelle: Zeit Online
