Die Grenze des Mitgefühls: Wie man im Angesicht des Grauens die Vernunft bewahrt
Die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Mirjana Spoljaric, berichtet im Interview über ihre Arbeit in Kriegsgebieten und den Umgang mit eigener Wut. Die stoische Philosophie liefert eine präzise Antwort darauf, wie wir angesichts globaler Katastrophen handlungsfähig bleiben, ohne an unseren Emotionen zu zerbrechen.

Was ist passiert?
Die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Mirjana Spoljaric, hat in einem ausführlichen Interview mit dem Medienhaus Zeit Online Einblicke in die operative Realität ihrer Organisation gegeben. Das Gespräch, das im Politikpodcast des Mediums veröffentlicht wurde, thematisiert die Herausforderungen der humanitären Hilfe in aktuellen globalen Konfliktgebieten. Spoljaric, die in ihrer Funktion regelmäßig Foltergefängnisse besucht und Geiselübergaben koordiniert, schildert darin die zunehmende Missachtung des humanitären Völkerrechts durch staatliche und nichtstaatliche Akteure.
Das IKRK operiert unter dem Mandat der Genfer Konventionen, was die Organisation zur strikten Neutralität verpflichtet. Diese Neutralität ist die rechtliche und praktische Voraussetzung dafür, dass Delegierte des Komitees überhaupt Zugang zu Gefangenen und Konfliktparteien erhalten. Spoljaric betont im Interview, dass diese Arbeit eine präzise Kenntnis der Realität vor Ort erfordert, abseits von diplomatischen Absichtserklärungen.
Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist die persönliche Belastung, die mit dieser Aufgabe einhergeht. Die Präsidentin thematisiert explizit ihre eigene Wut angesichts des Leids, das sie im Rahmen ihrer Besuche in Krisengebieten sieht, und der bürokratischen sowie politischen Hürden, die der humanitären Hilfe in den Weg gelegt werden. Sie beschreibt das Spannungsfeld zwischen der geforderten professionellen Neutralität nach außen und den emotionalen Reaktionen im Inneren. Das IKRK steht weltweit vor dem Problem, dass der Zugang zu Opfern von bewaffneten Konflikten zunehmend politisiert und als Verhandlungsmasse missbraucht wird, was die praktische Arbeit der Helfer vor Ort massiv erschwert.
Die stoische Perspektive
Die von Mirjana Spoljaric beschriebene Wut berührt das Fundament der stoischen Affektenlehre. Für den antiken Beobachter stellt sich hier nicht die Frage, ob Wut angesichts von Kriegsverbrechen moralisch verständlich ist, sondern ob sie ein nützlicher Ratgeber für das Handeln sein kann. Spoljaric muss in ihrer Funktion als Diplomatin und Organisatorin kühl kalkulieren, Verträge aushandeln und mit Akteuren sprechen, die das Völkerrecht verletzen. Ein emotionaler Ausbruch würde ihre Mission und damit das Überleben von Gefangenen gefährden.
Seneca widmete diesem Phänomen eine eigene Abhandlung. In seinem Werk Über den Zorn argumentiert er, dass diese Emotion der Vernunft niemals nützt, selbst wenn sie aus einem gerechten Anlass entsteht. Im ersten Buch schreibt er:
„Der Zorn ist zu nichts nütze, er spornt den Geist nicht zu Kriegstaten an; denn die Tugend braucht, da sie sich selbst genügt, niemals die Hilfe des Lasters. Sobald der Geist sich dem Zorn hingibt, verliert er die Fähigkeit, das Richtige zu prüfen.“ (Seneca, De Ira, I, 9)
Aus dieser Perspektive ist die Wut der IKRK-Präsidentin ein Signal ihres moralischen Bewusstseins, aber gleichzeitig eine Gefahr für ihre konkrete Aufgabe. Die Stoa verlangt keine Gefühllosigkeit, wohl aber die Fähigkeit, den ersten Impuls der Empörung durch die Vernunft zu prüfen. Das Ziel ist nicht Apathie im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern die Erhaltung der Urteilskraft. Wenn Spoljaric Foltergefängnisse besucht, benötigt sie ein Höchstmaß an kognitiver Klarheit, um Verstöße präzise zu dokumentieren und diplomatischen Druck aufzubauen. Jede emotionale Trübung verringert ihre Effektivität.
Hier greift das Konzept der Sympatheia, die kosmische Verbundenheit aller vernunftbegabten Wesen. Der Dienst an der Menschheit, wie ihn das Rote Kreuz leistet, ist die praktische Ausprägung dieses Prinzips. Marcus Aurelius beschreibt in seinen Selbstbetrachtungen, dass Menschen füreinander da sind, um sich gegenseitig zu helfen, vergleichbar mit den Füßen, den Händen und den Zahnreihen eines Körpers. Wer humanitäre Hilfe leistet, handelt gemäß dieser Natur.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Abgrenzung zur reinen Empathie, die im modernen Sprachgebrauch oft mit passivem Mitleiden gleichgesetzt wird. Der Stoizismus fordert eine aktive, aber distanzierte Fürsorge. Wir können das Handeln der Kriegsparteien, die Geiselnahmen und die Folter nicht direkt kontrollieren. Diese Ereignisse gehören zur Kategorie der Indifferentia, der Dinge, die außerhalb unserer Macht liegen. Kontrollierbar ist ausschließlich die eigene Reaktion darauf. Wer sich von der Grausamkeit der Welt innerlich zerstören lässt, verliert die Kraft, den Opfern dieser Grausamkeit zu helfen. Die professionelle Distanz der IKRK-Delegierten ist somit kein Mangel an Mitgefühl, sondern die notwendige Bedingung für dessen praktische Wirksamkeit.
Tagesgedanke
Wer die Welt verändern will, muss die Fähigkeit besitzen, sie so zu ertragen, wie sie im Moment ist.
Quelle: Zeit Online — Originalartikel im Text verlinkt
