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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit17. Mai 2026

Wenn das Unvorstellbare geschieht: Kinder, Ohnmacht und die Frage nach der inneren Freiheit

In der nigerianischen Stadt Mussa wurden mehr als 50 Schulkinder entführt, darunter Kleinkinder. Der Artikel fragt, was die Philosophie der Stoa Menschen bieten kann, die mit realer Gewalt und absoluter Hilflosigkeit konfrontiert sind.

Wenn das Unvorstellbare geschieht: Kinder, Ohnmacht und die Frage nach der inneren Freiheit

Was ist passiert?

Mehr als 50 Schulkinder wurden in der nigerianischen Stadt Mussa im Bundesstaat Borno entführt. Unter den Verschleppten befinden sich Kleinkinder im Vorschulalter. Die BBC berichtet, dass bisher keine Gruppe die Verantwortung für die Angriffe übernommen hat. Die Attacken haben die Gemeinde Mussa schwer getroffen.

Borno State liegt im Nordosten Nigerias und gilt seit Jahren als eines der am stärksten von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram und ihrer Abspaltung ISWAP betroffenen Gebiete des Landes. Entführungen von Schulkindern haben in dieser Region eine erschreckende Geschichte. Der bekannteste Fall ist die Entführung von 276 Schülerinnen aus Chibok im Jahr 2014, viele von ihnen wurden nie zurückgegeben. Seitdem hat die Region zahlreiche weitere Massenentführungen erlebt, darunter die Verschleppung von über 300 Schülern aus Kankara im Jahr 2020.

Zum Zeitpunkt der Berichterstattung lagen weder bestätigte Informationen über den Verbleib der Kinder noch über mögliche Forderungen der Täter vor. Nigerianische Sicherheitsbehörden haben nach BBC-Angaben Ermittlungen aufgenommen. Details über Opferzahlen unter den Erwachsenen, mögliche Verletzte oder den genauen Ablauf der Attacke wurden noch nicht offiziell bestätigt.

Was feststeht: Familien in Mussa wissen nicht, wo ihre Kinder sind. Eltern, Geschwister, Lehrpersonal und eine ganze Gemeinde befinden sich in einem Zustand, für den es keine gute Beschreibung gibt. Hilflosigkeit trifft es annähernd, aber nicht vollständig.

Die stoische Perspektive

Hier stößt die Stoa an eine ihrer härtesten Grenzen, und es wäre unehrlich, das zu verschweigen.

Die Dichotomie der Kontrolle, das Herzstück von Epiktets Denken, unterscheidet zwischen dem, was in unserer Macht liegt, und dem, was nicht. Epiktet schreibt im ersten Satz seines Encheiridion: „Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht. In unserer Macht sind Meinung, Trieb, Begehren, Abneigung." Körper, Ruf, äußere Umstände liegen außerhalb unserer Macht.

Das klingt kühl, wenn man es auf Mussa anwendet. Und es wäre falsch, hier mit einer zu glatten Anwendung zu arbeiten. Die Eltern dieser Kinder haben keine philosophische Distanz zur Verfügung. Ihr Schmerz ist kein Affekt, den Vernunft augenblicklich auflöst. Und die Stoa selbst macht keine solchen Versprechen.

Was sie aber anbietet, ist eine Unterscheidung, die in Extremsituationen überlebensnotwendig werden kann: die Trennung zwischen dem Ergebnis und der eigenen Haltung zu diesem Ergebnis. Marcus Aurelius schreibt in seinen Selbstbetrachtungen (Buch 6, Abschnitt 2): „Du hast Macht über deinen Geist, nicht über die äußeren Ereignisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden." Er schrieb das nicht als Trost für andere, sondern als Erinnerung an sich selbst, mitten in Kriegen, Seuchen und dem Tod seiner eigenen Kinder.

Es gibt in der Geschichte der Stoa Vorbilder für das, was Familien in Mussa durchleben. Epiktet war selbst kein freier Mensch. Er wuchs als Sklave auf, lebte unter Bedingungen, über die er keine Kontrolle hatte, und entwickelte aus genau dieser Erfahrung heraus seine Philosophie. Sein Ausgangspunkt war nicht akademischer Komfort, sondern reale Ohnmacht. Das unterscheidet ihn von vielen, die seine Worte heute zitieren.

Was würde Seneca zur Situation in Mussa sagen? Er schrieb in seinem 91. Brief an Lucilius über den Brand von Lyon: Eine ganze Stadt könne in einer einzigen Nacht verschwinden. Das Einzige, was bleibt, ist die Art, wie Menschen auf Katastrophen reagieren. Nicht im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern im Sinne von: Wer bist du, wenn alles, was du liebst, bedroht ist?

Für Gemeinschaften in Krisensituationen bietet die Stoa einen anderen Begriff an: Kathêkon, die Pflicht. Nicht die Pflicht, die man trägt, weil man Angst vor Strafe hat, sondern die Pflicht, die aus dem Verständnis erwächst, Teil einer menschlichen Gemeinschaft zu sein. Die nigerianischen Sicherheitskräfte, die Ermittler, die Nachbarstaaten, internationale Organisationen: Sie alle stehen in einem Kathêkon gegenüber diesen Kindern. Ob sie ihm nachkommen, liegt nicht in der Macht der Eltern in Mussa. Was die Eltern tun können, ist alles Mögliche zu tun und das Unkontrollierbare nicht noch einmal zu erleiden, indem sie es im Geist endlos wiederholen.

Das ist kein Aufruf zur Passivität. Marcus Aurelius war Kaiser und Feldherr, Seneca Politiker, Epiktet lehrte praktisches Handeln. Die Stoa verlangt keine Resignation. Sie verlangt Klarheit darüber, wo die eigene Energie wirkt und wo sie verpufft.

Für die Menschen in Mussa bedeutet das im besten Fall: Trauert vollständig. Handelt, wo Handeln möglich ist. Und gebt euch nicht dem Gedanken hin, dass eure Würde davon abhängt, was andere Menschen euren Kindern antun.

Tagesgedanke

Was dir genommen werden kann, war nie der Kern von dir.


Quelle: BBC World — Originalartikel auf bbc.com