Skip to content
← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit31. Mai 2026

Wenn Drohnen einschlagen: Über Sicherheit, die von innen kommt

Eine Drohne trifft ein Wohnhaus in einer rumänischen Stadt. Die Bewohner kehren zurück, um zu sehen, was geblieben ist. Ihre Aussage 'Niemand fühlt sich mehr sicher' ist nicht nur ein Zitat aus einem Kriegsgebiet, sondern eine philosophische Frage: Wo suchen wir Sicherheit, und was passiert, wenn diese Orte wegfallen?

Wenn Drohnen einschlagen: Über Sicherheit, die von innen kommt

Was ist passiert?

In den frühen Morgenstunden eines Freitags wurde ein Wohnblock in einer rumänischen Stadt von einer Drohne getroffen. Nach Angaben der BBC kehrten die ersten Bewohner zurück, um den Zustand ihrer Wohnungen zu begutachten. Das Gebäude hatte direkten Beschuss erhalten. Rumänien ist NATO-Mitglied und grenzt an die Ukraine, wo seit Februar 2022 russische Streitkräfte einen umfassenden Angriffskrieg führen. Immer wieder berichten Anrainerstaaten von verirrten oder gezielt eingesetzten Drohnen, die über die Grenze gelangen.

Die BBC zitiert Anwohner, deren Aussagen ein klares Bild zeichnen: Die Erschütterung ist nicht nur materieller Natur. „Niemand fühlt sich mehr sicher", sagte eine Person gegenüber dem britischen Sender. Menschen, die zurückkehren, um ihre Häuser zu begutachten, stehen vor zerstörten Wänden, zersplitterten Fenstern und der Frage, was jetzt kommt.

Rumänien hat in den vergangenen Monaten wiederholt Drohnentrümmer auf seinem Staatsgebiet gefunden. Die rumänische Regierung sowie NATO-Vertreter haben diese Vorfälle dokumentiert und untersucht. Ob es sich in jedem Fall um ukrainische Abwehrdrohnen, russische Angriffsdrohnen oder Wrackteile handelte, war nicht immer eindeutig zu klären. Was eindeutig ist: Die Bevölkerung in der Grenzregion lebt mit einer Unsicherheit, die sich in Schlafmangel, veränderten Alltagsroutinen und wachsender Angst äußert.

Die betroffenen Bewohner sind Zivilisten. Sie hatten keine Wahl, wo die Drohne einschlug. Sie hatten keine Warnung, keine Sirene, keine Zeit. Sie erwachten in einem beschädigten Haus, in einer Stadt, die nun das Gefühl kennt, verwundbar zu sein.

Die stoische Perspektive

„Niemand fühlt sich mehr sicher." Dieser Satz ist verständlich, menschlich, ehrlich. Er beschreibt einen Zustand, den Epiktet gut kannte, allerdings nicht aus Distanz, sondern aus eigener Erfahrung. Epiktet wurde als Sklave geboren, lebte unter physischer Gewalt und besaß keine Kontrolle über seine äußeren Umstände. Trotzdem, oder genau deshalb, formulierte er die Grundlage seiner gesamten Philosophie mit bemerkenswerter Klarheit:

„Von den Dingen sind die einen in unserer Macht, die anderen nicht. In unserer Macht sind Meinung, Handlungsimpuls, Begehren, Abneigung." (Epiktet, Enchiridion, Kapitel 1)

Das klingt zunächst wie ein Trost für Menschen, die nichts mehr haben. Aber Epiktet meinte etwas anderes: Er meinte, dass die Gleichung, auf die wir unser ganzes Leben aufbauen, nämlich äußere Sicherheit als Grundlage innerer Ruhe, von Anfang an falsch ist.

Sicherheit, verstanden als Zustand der Welt um uns herum, war nie garantiert. Das Wohnhaus in Rumänien stand gestern noch. Heute ist es beschädigt. Nicht weil die Welt sich verändert hat, sondern weil sie schon immer so war: kontingent, unberechenbar, gleichgültig gegenüber unseren Plänen. Marcus Aurelius schrieb in seinen Selbstbetrachtungen, mitten in einem Kriegszug, den er selbst nicht gewollt hatte: „Verliere keine Zeit mehr damit, darüber zu diskutieren, was ein guter Mensch sein soll. Sei einer." (Selbstbetrachtungen, X, 16)

Der Satz wirkt knapp. Er ist es absichtlich. Marcus meinte damit: Das Grübeln über Sicherheit, über Bedrohung, über das, was kommen könnte, raubt die Energie, die wir für das brauchen, was wir jetzt tun können.

Hier ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen, die die Stoa nicht als Kälte versteht, sondern als Klarheit. Die Angst der Bewohner ist real. Ihre Erschütterung ist berechtigt. Seneca, der Reiche und Privilegierte unter den Stoikern, schrieb nicht aus einer gesicherten Position heraus über Gleichmut. Er schrieb in dem Wissen, dass Nero ihn jederzeit töten lassen konnte, was schließlich auch geschah. In seinem Brief an Lucilius (Epistulae morales, Brief 77) formuliert er: „Überlege nicht, was viele zu sagen und zu tun pflegen, sondern was der Natur der Sache gemäß ist."

Was ist der Natur der Sache gemäß? Dass Drohnen treffen können, dass Gebäude fallen, dass Kriege Grenzen überschreiten. Das ist keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Es ist die Weigerung, so zu tun, als ob Stabilität der Normalzustand und Erschütterung die Ausnahme sei. Die Stoa dreht das Verhältnis um: Erschütterung ist die Norm des äußeren Lebens. Die Frage ist, was wir daraus machen.

Was können die Bewohner des getroffenen Wohnblocks kontrollieren? Ihre Entscheidung, zurückzukehren, haben sie bereits getroffen. Manche blieben, um zu sehen, was noch steht. Das ist keine kleine Geste. Das ist der erste Schritt zurück in das eigene Leben, unter schwierigen Bedingungen und ohne Garantien. Epiktet hätte darin nicht Heldenmut gesehen, sondern etwas Schlichteres und Stabileres: die Ausübung dessen, was in unserer Macht liegt.

„Niemand fühlt sich mehr sicher" beschreibt eine kollektive Erschütterung. Aber Sicherheit war auch vorher nie wirklich von der Drohne oder der fehlenden Drohne abhängig. Sie war, wenn sie überhaupt existierte, immer eine innere Haltung gegenüber einer unsicheren Welt.

Tagesgedanke

Sicherheit, die von äußeren Umständen abhängt, ist keine Sicherheit, sondern eine Frist.


Quelle: BBC World — Originalartikel bei BBC News