Skip to content
← Alle NewsAnalyseBBC World4 Min. Lesezeit18. Juli 2026

Die unantastbare Festung des Willens

Russlands schärferes Vorgehen gegen Andersdenkende zeigt die Grenzen staatlicher Macht. Während physische Freiheit entzogen werden kann, bleibt das eigene Urteil unter persönlicher Kontrolle.

Die unantastbare Festung des Willens

Was ist passiert?

Die russische Justiz geht weiterhin konsequent gegen Kritiker des Ukraine-Kriegs und politische Abweichler vor. Wie der britische Sender BBC berichtet, wurden jüngst zwei prominente Stimmen der Opposition ins Visier genommen. Der Antikriegs-Politiker Boris Nadeschdin wurde wegen angeblicher Verstöße gegen das Gesetz über Auslandskontakte von der Teilnahme an den Parlamentswahlen ausgeschlossen. Gleichzeitig wurde der Blogger Ilja Remeslo unter dem Vorwurf der Diskreditierung der russischen Armee in Untersuchungshaft genommen.

Nadeschdin, der im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Frühjahr durch seine kritische Haltung zum Ukraine-Krieg Aufmerksamkeit erregte, versuchte sich als Kandidat für die Regionalwahlen im September registrieren zu lassen. Die Wahlkommission verweigerte ihm jedoch die Zulassung mit der Begründung, ein Teil der gesammelten Unterstützerunterschriften sei ungültig gewesen. Nadeschdin kündigte an, diese Entscheidung gerichtlich anzufechten, doch die Erfolgsaussichten gelten in der aktuellen politischen Landschaft Russlands als äußerst gering.

Der Fall des Bloggers Ilja Remeslo wiegt juristisch noch schwerer. Remeslo wurde von einem Moskauer Gericht in Untersuchungshaft genommen. Ihm droht bei einer Verurteilung eine langjährige Haftstrafe. Die Anklage stützt sich auf Gesetze, die kurz nach dem Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 erlassen wurden. Diese Gesetze stellen die Verbreitung von vermeintlichen Falschinformationen über die Streitkräfte unter Strafe. In der Praxis betrifft dies jede öffentliche Kritik am militärischen Vorgehen der Regierung.

Die beiden Fälle reihen sich ein in eine lange Serie von Verfahren gegen Journalisten, Aktivisten und Bürger, die sich gegen die offizielle Linie des Kremls positionieren. Internationale Menschenrechtsorganisationen kritisieren diese Praxis systematisch als Unterdrückung der freien Meinungsäußerung. Die russische Führung hingegen betont stets, dass die Einhaltung der Gesetze im Interesse der nationalen Sicherheit und des Schutzes der Streitkräfte im Kriegszustand unerlässlich sei.

Die stoische Perspektive

Die Konfrontation zwischen dem staatlichen Machtapparat und dem einzelnen Dissidenten berührt den Kern der Philosophie von Epiktet. Der Philosoph, der selbst als Sklave im Römischen Reich lebte und die Willkür der Mächtigen aus eigener Erfahrung kannte, unterschied strikt zwischen Dingen, die in unserer Macht stehen, und solchen, die sich unserem Einfluss entziehen. Er nannte das Vermögen der bewussten Entscheidung prohairesis.

Ein Staat kann den Körper eines Menschen gefangennehmen, sein Vermögen beschlagnahmen und seine Bewegungsfreiheit einschränken. All diese Faktoren gehören zur Kategorie der Externalien. Sie liegen außerhalb der absoluten Kontrolle des Individuums. Was der Staat jedoch nicht erzwingen kann, ist die innere Zustimmung des Geistes zu einer Unwahrheit oder die Aufgabe der eigenen Überzeugungen.

Epiktet formuliert dies in seinen Lehrgesprächen (Buch I, Kapitel 1) sehr präzise:

"Du kannst meinen Körper fesseln, aber meinen Willen kann selbst Zeus nicht besiegen."

Diese Haltung erfordert die Tugend des Mutes, im Griechischen als andreia bezeichnet. Mut bedeutet im philosophischen Sinne nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das klare Erkennen dessen, was wirklich zu fürchten ist und was nicht. Für die Betroffenen in Russland bedeutet dies eine bewusste Abwägung. Sie wissen, dass die äußere Freiheit auf dem Spiel steht, weigern sich jedoch, die innere Freiheit des Denkens dafür zu opfern. Sie trennen das Schicksal ihres Körpers von der Integrität ihres Charakters.

Gleichzeitig verleitet diese Perspektive nicht zu moralischer Überheblichkeit gegenüber denjenigen, die schweigen. Die Erkenntnis der eigenen Grenzen führt zu einer realistischen Einschätzung der Lage. Ein Machthaber kann Gesetze erlassen und Strafen verhängen, da dies in seiner physischen Macht liegt. Wer sich entscheidet, dagegen aufzubegehren, tut dies im vollen Bewusstsein der Konsequenzen. Der Fokus liegt nicht auf der Erwartung, dass die Welt gerecht sein müsste, sondern auf der eigenen Pflicht, gerecht zu handeln.

Die Stärke dieser Philosophie zeigt sich gerade dann, wenn die äußeren Umstände am düstersten sind. Sie bietet keinen Trost im Sinne einer schnellen Rettung, sondern eine Rüstung für den Geist. Wenn die physische Freiheit entzogen wird, bleibt die Festung der eigenen Urteilskraft der einzige Ort, der absolut unbezwingbar ist.

Tagesgedanke

Wer die Kontrolle über seine äußere Freiheit verliert, behält dennoch die absolute Herrschaft über seine innere Zustimmung.

Quelle: BBC World