Die Pflicht des Friedfertigen in Zeiten des Krieges
Der Grünen-Politiker Janosch Dahmen vollzieht den Wandel vom Pazifisten zum Reservisten der Bundeswehr. Seine persönliche Transformation wirft eine klassische Frage auf: Wie handeln wir vernunftgeleitet, wenn sich die äußeren Umstände radikal verändern?

Was ist passiert?
Der Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen) hat eine tiefgreifende politische und persönliche Entwicklung vollzogen. Wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet, ist der ausgebildete Mediziner in einem dezidiert pazifistischen Milieu aufgewachsen. Seine Jugend war geprägt von Friedensdemonstrationen und der grundsätzlichen Ablehnung militärischer Gewalt. Folgerichtig verweigerte er den Wehrdienst und leistete stattdessen Zivildienst im Rettungsdienst.
Angesichts der veränderten geopolitischen Sicherheitslage in Europa, insbesondere ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, hat Dahmen seine Haltung revidiert. Er hat sich freiwillig als Reservist bei der Bundeswehr gemeldet und absolvierte eine militärische Ausbildung im Sanitätsdienst der Streitkräfte. Zu dieser Ausbildung gehörte auch das praktische Schießen mit dem Sturmgewehr G36, eine Erfahrung, die im krassen Gegensatz zu seiner früheren pazifistischen Überzeugung steht.
Dahmen begründet diesen Schritt mit einer veränderten Realität. Er argumentiert, dass der Schutz der freien Gesellschaft und der demokratischen Institutionen in der heutigen Zeit eine wehrhafte Verteidigungsbereitschaft erfordert. Seine Entscheidung ist Teil einer breiteren Debatte innerhalb seiner Partei und der gesamten deutschen Gesellschaft über die Rolle der Bundeswehr und die Notwendigkeit der Landes- und Bündnisverteidigung. Der Abgeordnete betont, dass er seine humanitären Grundwerte nicht aufgegeben habe, sondern sie unter den aktuellen Bedingungen anders interpretieren und schützen müsse.
Die stoische Perspektive
Der Wandel von Janosch Dahmen berührt ein Kernthema der antiken Philosophie: das Verhältnis zwischen unveränderlichen moralischen Prinzipien und der Pflicht des Bürgers in einer sich verändernden Welt. Die Vorstellung, dass ein friedfertiger Mensch zur Waffe greift, um den Frieden zu schützen, wirkt auf den ersten Blick paradox. Bei genauerer Betrachtung spiegelt sie jedoch die stoische Auffassung von staatsbürgerlicher Verantwortung und der Anpassung an die Realität wider.
Im Zentrum dieser Dynamik steht das Konzept der Oikeiosis, der Lehre von der Aneignung und der Erweiterung der eigenen Kreise der Verantwortung. Stoiker sahen sich selbst nicht als isolierte Individuen, sondern als Teil eines größeren Ganzen, des Kosmos und des eigenen Staates. Aus dieser Zugehörigkeit erwächst eine aktive Pflicht zur Gestaltung und zum Schutz der Gemeinschaft. Marcus Aurelius, der selbst jahrelang Feldzüge an den Grenzen des Römischen Reiches führen musste, obwohl er die Philosophie und die Kontemplation vorzog, beschreibt diese Pflicht zur Tat sehr deutlich. In seinen Selbstbetrachtungen schreibt er:
„Vollbringst du aber das Gegenwärtige, der gesunden Vernunft folgend, mit Eifer, Festigkeit und Wohlwollen, und blickst nach keinem Nebendinge hin, sondern bewahrst deinen Genius in seiner Reinheit, als müsstest du ihn schon jetzt zurückgeben; wenn du dies tust, ohne etwas zu erwarten oder zu fliehen, vielmehr zufrieden mit deiner gegenwärtigen, naturgemäßen Tätigkeit und mit der heroischen Wahrhaftigkeit in allem, was du sprichst und äußerst, so wirst du glücklich leben. Und es gibt keinen, der dies hindern könnte.“ (Selbstbetrachtungen, Buch III, 12)
Dahmens Entscheidung lässt sich als eine solche Ausrichtung an der „gesunden Vernunft“ unter veränderten äußeren Bedingungen interpretieren. Der reine Pazifismus beruht oft auf dem Wunsch, dass die Welt frei von Gewalt sein sollte. Dies ist jedoch ein Zustand, der außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Die stoische Dichotomie der Kontrolle unterscheidet strikt zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was wir nicht beeinflussen können. Wir können den Willen aggressiver Akteure auf der Weltbühne nicht direkt kontrollieren, wohl aber unsere eigene Vorbereitung und Reaktion auf diese Bedrohungen.
Für einen Stoiker bedeutet Weisheit auch, die Realität so zu akzeptieren, wie sie sich präsentiert, statt an einer idealisierten Vorstellung der Welt festzuhalten. Wenn sich die Umstände ändern, muss sich auch die Handlung ändern, um dem übergeordneten Ziel der Gerechtigkeit und des Schutzes der Gemeinschaft zu dienen. Der Übergang vom Zivildienstleistenden zum Reservisten ist in diesem Licht kein Verrat an den eigenen Werten, sondern die Übersetzung des ursprünglichen Wunsches, Leben zu schützen, in eine neue, rauere Realität.
Die stoische Ethik verlangt keine starre Dogmatik, sondern eine flexible Vernunft, die im konkreten Einzelfall das Richtige tut. Ein Stoiker verteidigt den Staat nicht aus Hass auf den Feind, sondern aus Liebe zur Ordnung und zum Recht. Die Waffe in der Hand des Sanitäters Dahmen wird so zum Symbol für eine schmerzhafte, aber notwendige Anpassung an die Natur der Dinge.
Tagesgedanke
Wer die Realität nicht leugnet, passt seine Handlungen den Umständen an, ohne seine inneren Werte zu verraten.
Quelle: Spiegel Politik
