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← Alle NewsAnalyseZeit Online5 Min. Lesezeit30. Mai 2026

Wenn Steine überleben und Menschen sterben: Beaufort und die Logik des Krieges

Israel hat die Region um die Kreuzfahrerburg Beaufort im Libanon beschossen, als Teil eines erneuten Raketenwechsels mit der Hisbollah. Die Burg hat Kreuzzüge, Osmanen und Bürgerkriege überdauert — die Menschen darunter nicht immer. Was Marc Aurel über das schrieb, was wir kontrollieren können und was nicht, trifft hier mit ungewohnter Schärfe.

Wenn Steine überleben und Menschen sterben: Beaufort und die Logik des Krieges

Was ist passiert?

Die israelische Armee hat nach Angaben von Zeit Online Angriffe auf die Region um die Kreuzfahrerburg Beaufort im Südlibanon durchgeführt. Beaufort, arabisch Qalaat al-Shaqif, ist eine mittelalterliche Festung aus dem 12. Jahrhundert, die auf einem Felssporn über dem Litani-Tal thront. Sie gilt als eine der am besten erhaltenen Kreuzfahrerburgen im Nahen Osten und steht unter dem Schutz der libanesischen Denkmalbehörde.

Den Angriffen gingen gegenseitige Raketenbeschüsse zwischen israelischen Streitkräften und der Hisbollah voraus. Die Hisbollah, eine im Libanon verankerte schiitische Miliz und politische Partei, wird von den USA, der EU und Israel als Terrororganisation eingestuft. Iran gilt als ihr wichtigster Unterstützer.

Der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah hat seit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs im Oktober 2023 erheblich an Intensität zugenommen. Seitdem gibt es nahezu täglich Beschuss auf beiden Seiten der israelisch-libanesischen Grenze. Im September und Oktober 2024 eskalierte Israel seine Operationen im Südlibanon erheblich, darunter gezielte Angriffe auf Hisbollah-Führungspersonal einschließlich deren Generalsekretär Hassan Nasrallah. Ein im November 2024 ausgehandelter Waffenstillstand hielt nur teilweise, und Berichte über neue Beschüsse und israelische Militäroperationen im Libanon haben sich in den Monaten danach fortgesetzt.

Die Region um Beaufort ist militärgeschichtlich nicht neutral. Die Burg selbst wechselte im Laufe der Jahrhunderte zwischen Kreuzfahrern, Muslimen, Osmanen und zuletzt der PLO und der Hisbollah als Kontrollpunkt. Israelische Streitkräfte besetzten sie während des Libanonkriegs von 1982 bis zum Rückzug im Jahr 2000. Sie ist kein zufälliges Symbol, sondern ein Ort, an dem sich die Schichten der Gewalt buchstäblich in den Stein eingeschrieben haben.

Über Opferzahlen oder genaue Schäden an der Burg selbst macht der Bericht von Zeit Online keine Angaben. Die libanesische Zivilbevölkerung im Südlibanon ist seit Monaten durch Evakuierungen, Vertreibung und anhaltenden Beschuss belastet.

Die stoische Perspektive

Beaufort hat die Kreuzzüge überlebt. Es hat Belagerungen, osmanische Herrschaft, französisches Mandat, libanesischen Bürgerkrieg und israelische Besatzung überdauert. Steine sind geduldig. Menschen sind es nicht.

Genau diese Diskrepanz ist der Ausgangspunkt, von dem aus Marc Aurel denken würde. In seinen "Selbstbetrachtungen" (Buch IV, Abschnitt 32) schreibt er: "Wie viele Alexanders, Pompejus', Cäsaren hat die Zeit nicht völlig vergessen, zusammen mit allen, die nach ihnen kamen?" Er meint damit nicht Nihilismus, sondern Orientierung: Wer sich von dem mitreißen lässt, was außerhalb seiner Kontrolle liegt, verliert den einzigen Boden, auf dem er stabil stehen kann.

Der zentrale Begriffe der Stoa ist hier die Dichotomie der Kontrolle, wie sie Epiktet im "Encheiridion" formuliert: Manche Dinge liegen in unserer Macht (unsere Urteile, Absichten, Reaktionen), andere nicht (Krieg, der Beschuss einer Burg, der Raketenwurf eines anderen Staates). Das klingt bei oberflächlicher Lektüre nach Gleichgültigkeit. Es ist das Gegenteil.

Denn wer die Grenze zwischen beiden Bereichen verwischt, handelt blind. Ein Soldat, der glaubt, durch Gewalt vollständige Sicherheit herstellen zu können, begeht denselben Kategorienfehler wie ein Zivilist, der glaubt, durch Angst die Rakete aufhalten zu können. Beide projizieren Kontrolle auf etwas, das außerhalb ihres Einflussbereichs liegt.

Was aber innerhalb der Kontrolle liegt, auch in diesem Konflikt, ist konkreter als es zunächst erscheint. Die Entscheidung, Zivilbevölkerung zu evakuieren oder nicht. Die Wahl der Mittel bei einem Angriff. Die politische Reaktion auf eine Eskalation. Das Urteil eines Journalisten, wie er über Opfer berichtet. Das Votum eines Bürgers, der eine Regierung wählt, die Waffenexporte genehmigt oder ablehnt.

Seneca warnt in seinen "Briefen an Lucilius" (Brief 91) vor dem, was er "perturbatio" nennt: die innere Erschütterung, die entsteht, wenn wir äußere Ereignisse so behandeln, als seien sie Urteile über uns persönlich. Wer Beaufort brennen sieht und daraus ableitet, alles sei verloren oder nichts mehr bedeute, verliert die Fähigkeit, das Wenige zu tun, was tatsächlich in seiner Macht steht.

Das ist keine Aufforderung zur Kälte. Marc Aurel hat als Kaiser selbst Kriege geführt und in seinen privaten Aufzeichnungen mit Verlust, Schmerz und Tod gerungen. Er hat nicht aufgehört, zu trauern. Er hat aufgehört, die Trauer mit Handlungsohnmacht zu verwechseln.

Der Blick auf Beaufort legt noch etwas anderes frei: das stoische Konzept der Sympatheia, der Verflechtung aller Menschen in einem gemeinsamen Logos, einer gemeinsamen Vernunft. Marc Aurel schreibt in Buch VI der Selbstbetrachtungen, dass wir für einander gemacht sind, dass Schaden am einen Schaden am Ganzen ist. Krieg ist in dieser Lesart nicht nur politisches Versagen, sondern ein Versagen gegen die eigene Natur des Menschen als vernunftbegabtes, soziales Wesen.

Was die Stoa nicht bietet, ist eine Antwort auf die Frage, wer in diesem Konflikt Recht hat. Dafür ist sie nicht zuständig, und wer die Philosophie dafür instrumentalisiert, missbraucht sie. Was sie bietet, ist eine Methode: Trenne, was du beeinflussen kannst, von dem, was du nicht kannst. Handle im ersten Bereich mit voller Kraft. Ertrage den zweiten ohne Selbstaufgabe.

Beaufort steht noch. Was darunter geschieht, liegt nicht im Stein.

Tagesgedanke

Wer die Dinge, die er nicht kontrollieren kann, so behandelt, als könnte er es, verliert dabei auch die Kontrolle über die Dinge, bei denen er es tatsächlich könnte.


Quelle: Zeit Online — Originalartikel