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← Alle NewsAnalyseBBC World5 Min. Lesezeit6. Juni 2026

Unter Druck regieren: Was Pashinyan über Prinzipien und Macht lehrt

Armeniens Premierminister Nikol Pashinyan kämpft um eine dritte Amtszeit, während Russland den Druck auf sein pro-westliches Kabinett erhöht und die Unterstützung im Inland schwindet. Die Situation wirft eine zeitlose Frage auf: Was bleibt einem Politiker, wenn er weder die Weltmächte noch die Stimmung seines Volkes kontrollieren kann?

Unter Druck regieren: Was Pashinyan über Prinzipien und Macht lehrt

Was ist passiert?

Armenien wählt einen neuen Premierminister, und der Amtsinhaber Nikol Pashinyan strebt seine dritte Amtszeit an. Die Ausgangslage ist schwierig: Seine innenpolitische Popularität hat merklich gelitten, und gleichzeitig intensiviert Russland seinen Druck auf die Jerewan-Regierung.

Pashinyan hatte nach seinem Amtsantritt 2018 einen scharfen außenpolitischen Kurswechsel eingeleitet. Armenien, traditionell eng mit Moskau verbunden und Mitglied der russisch geführten Militärallianz OVKS sowie der Eurasischen Wirtschaftsunion, begann unter seiner Führung eine schrittweise Annäherung an die Europäische Union und die Vereinigten Staaten. 2023 suspendierte Jerewan faktisch seine Mitgliedschaft in der OVKS, nachdem Russland nach Einschätzung armenischer Stellen beim militärischen Konflikt um Bergkarabach nicht eingriff. Im Herbst desselben Jahres verlor Armenien die Kontrolle über die umstrittene Enklave endgültig an Aserbaidschan, was Pashinyan innenpolitisch schwer beschädigte. Hunderttausende armenische Flüchtlinge aus Bergkarabach flohen nach Armenien.

Seitdem vertieft Armenien seine Beziehungen zum Westen: Ein Abkommen über visumfreies Reisen mit der EU wurde verhandelt, militärische Kooperationsgespräche mit westlichen Partnern aufgenommen. Russland reagierte mit wirtschaftlichem und diplomatischem Druck. Laut BBC-Bericht häufen sich die Signale aus Moskau, dass eine weitere Annäherung Armeniens an den Westen Konsequenzen haben werde.

Pashinyans Partei "Bürgervertrag" tritt bei der Wahl gegen ein breites Oppositionsfeld an, das von prorussisch orientierten Kräften bis zu national-konservativen Gruppen reicht. Umfragen zeigen einen Rückgang seiner Unterstützung, auch wenn keine Partei eine klare Mehrheit für sich beanspruchen kann. Der Ausgang gilt als offen.

Die Wahl findet statt in einem Land, das geographisch eingekesselt ist: Im Westen die Türkei, im Osten Aserbaidschan, im Norden Georgien, im Süden der Iran. Russland kontrolliert nach wie vor kritische Infrastruktur und Energieversorgung. Der Handlungsspielraum Jerewans ist real begrenzt, und die Bevölkerung spürt das im Alltag.

Die stoische Perspektive

Die Situation Pashinyans lässt sich mit einem Begriff fassen, den Epiktet ins Zentrum seiner gesamten Philosophie stellte: prohairesis, die bewusste Wahl. In den "Gesprächen" (Discourses, Buch I, Kapitel 1) schreibt er: "Manche Dinge sind in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht sind unsere Meinungen, unser Streben, unsere Wünsche und Abneigungen."

Was liegt in Pashinyans Macht? Seine politischen Entscheidungen, seine Prinzipien, seine Integrität im Amt, sein Umgang mit den Widrigkeiten. Was liegt nicht in seiner Macht? Der Verlauf der russischen Außenpolitik, das Stimmungsbarometer der Wähler, die geopolitische Lage seiner Nachbarn, den Ausgang der Wahl selbst.

Genau hier zeigt sich das Kernproblem moderner Politik, das die Stoa mit ungewöhnlicher Schärfe beleuchtet: Wer im öffentlichen Leben steht, wird permanent an Ergebnissen gemessen, die er nur teilweise beeinflussen kann. Pashinyan kann keine Berge versetzen und Russland nicht zur Freundschaft zwingen. Er kann nur entscheiden, wie er handelt.

Marcus Aurelius kannte diese Spannung aus eigener Erfahrung. Als Kaiser führte er Kriege, die er nicht begonnen hatte, verwaltete ein Reich, das zu groß war, um es vollständig zu kontrollieren, und schrieb abends in sein Tagebuch, was wir heute als "Selbstbetrachtungen" kennen. In Buch VI, Abschnitt 2 notierte er: "Lass dich nicht stören durch das, was andere tun oder unterlassen. Richte deinen Blick auf dich selbst und frage, ob du gerecht handelst."

Das ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit. Marcus führte seine Kriege, regierte seine Provinzen, traf politische Entscheidungen mit realen Folgen für Millionen Menschen. Aber seine innere Haltung dazu blieb klar: Er tat, was er für richtig hielt, und ließ die Konsequenzen sein, was sie sein mussten.

Pashinyans Situation lädt zu einer unbequemen Frage ein: Ist sein Festhalten am westlichen Kurs Tugend oder Sturheit? Die Stoa würde hier nicht automatisch den Aufrechten loben. Seneca warnt in "De Beneficiis" (Über Wohltaten, Buch IV) vor dem, der Prinzipien mit Ego verwechselt, der also unnachgiebig bleibt, weil Nachgeben sich wie Niederlage anfühlt, nicht weil Nachgeben falsch wäre. Sich selbst gegenüber ehrlich zu sein ist schwieriger als gegenüber Russland standhaft zu bleiben.

Was würde Epiktet über einen Politiker sagen, der unter massivem externem Druck an einer Überzeugung festhält? Wahrscheinlich dies: Prüfe zuerst, ob die Überzeugung vernünftig begründet ist. Wenn ja, handle entsprechend und akzeptiere, was folgt. Wenn nein, ändere sie, ohne Scham. Die Stoa kennt keinen Heroismus um des Heroismus willen.

Für die Wählerinnen und Wähler Armeniens stellt sich dieselbe Frage in einer anderen Form: Welchen Politiker wähle ich, wenn alle Optionen mit Risiken behaftet sind? Auch das ist eine prohairesis-Entscheidung. Auch die Bürger können nur das wählen, was in ihrer Macht steht, und müssen loslassen, was nicht in ihrer Macht liegt: den Ausgang, die Weltpolitik, die russische Reaktion.

Vielleicht liegt der eigentliche Lehrgehalt dieser Wahl nicht in Jerewan, sondern überall dort, wo Menschen unter Druck Entscheidungen treffen und anschließend mit den Konsequenzen leben müssen. Nicht weil Armenien ein Sonderfall ist, sondern weil es ein sehr klares Beispiel für ein universelles Dilemma ist.

Tagesgedanke

Handle nach deinen Prinzipien, und lass dann los, was du nicht halten kannst.


Quelle: BBC World, Originalartikel